Günter berichtete kürzlich davon, wie er einem KFZ-Mechaniker von ungewöhnlicher Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft begegnete, allerdings nicht in Berlin, sondern irgendwo in der westdeutschen Provinz. Das erinnerte mich an einen ähnlich gesinnten Ladenbesitzer, den ich vor vielen Jahren ebenfalls in fernen Landen kennenlernte – in Izmir/Türkei, um genau zu sein.
Ich begleitete eine Bus-Tour, und in besagter Stadt fehlte uns die Übersicht (oder der Stadt mangelte es an Übersichtlichkeit). Wir fanden unseren Weg nicht und hielten an einem kleinen Elektroladen. Dort fragte ich den Besitzer, wie wir aus der Stadt kämen, und erhielt mehr als die erbetene Auskunft. Er stellt sich als “Mustafa” vor, Tee war bestimt auch im Spiel, und schließlich machte er seinen Laden dicht, stieg zu uns in den Bus und lotste uns aus der Stadt. Gewisse Deutschkenntnisse, die er bei einer vorübergehenden Arbeitstätigkeit in unserem Land erworben hatte, waren vorhanden, und so konnten wir auf der Tour etwas mehr über ihn erfahren.
Am Stadtrand stieg er aus, winkte uns fröhlich zum Abschied und machte sich auf den nicht unerheblichen Fußweg zurück zu seinem Geschäft. Mustafa war mein Freund geworden, denn nur Freunde tun für einen, was er für mich tat. Deshalb hatte ich mir noch seine Karte geben lassen, um mit ihm in Kontakt zu bleiben. Von zu Hause schrieb ich ihm, bedankte mich noch einmal und setzte unsere Konversation fort.
Wie gesagt, Mustafa war mein Freund geworden, und ich wollte, dass mein Freund den kennengelernt, der mehr als mein Freund ist: Jesus. Dabei ging ich so behutsam vor, wie ich freundschaftsevangelistisch unterwiesen war: Nicht mit der Tür ins Haus fallen, zuerst die Beziehung vertiefen … So beschränkte ich mich im ersten Brief darauf, in meinen Gruß ein “Gottes Segen” einfließen zu lassen.
Mustafa war Moslem und hatte ähnlich gute Absichten mit mir. Allerdings ging er weniger behutsam vor. Seine postwendende Antwort enthielt eine islamische Missionszeitschrift in deutscher Version, die mir den Glauben an Allah nahelegte, plus persönlichem Begleittext. Dies war der Beginn eines Briefaustausches, bei dem die missionare Bereitwilligkeit beiderseits groß war, allerdings auch beiderseits mehr aktiv als passiv.
Mustafa war mein Freund geworden, denn er hatte für mich getan, was nur Freunde für einen tun. Aber ich war auch der Freund von Mustafa geworden. Und so bat er mich eines Tages um einen kleinen Gefallen. Er wollte gern wieder nach Deutschland kommen. Das erwies sich als schwierig. Es hätte sich als leichter erwiesen, wenn es eine Ehefrau mit deutschem Pass gäbe. Und um diese bat er mich. Ich hätte doch sicher in meiner Verwandtschaft eine passende Person, die ich ihm vermitteln könnte.
Ein kleiner, naheliegender Wunsch. Ich war sein Freund, und in seiner Heimat taten Freunde vermutlich, worum er mich bat. In seiner Heimat hatten sie allerdings vermutlich auch die Autorität, zu tun, worum er mich bat, indem sie das Einverständnis der gewünschten Braut verordneten.
Um es kurz zu machen: Heute hätte ich sicher einen Weg gefunden, diese Sandbank unserer Beziehung zu umschiffen. Damals war ich in den interkulturellen Dingen noch unerfahren und die Sache entwickelte sich so, dass die Freundschaft am Ende einschlief. Aber noch heute denke ich gerne an Mustafa und seine Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Gott segne ihn.