28
Februar
2006

Romans VII: Who is who?

Gestern habe ich angefangen, Gedanken über Römer 7 mitzuteilen. Bevor ich in den nächsten Tagen auf Einzelheiten eingehe, ist es sinnvoll, eine grundsätzliche Frage zu beantworten. Wen meint Paulus hier eigentlich? Wer ist der Mensch, der das Gute nicht tut, das er tun möchte, sondern das Böse tut, das er nicht tun will? So einfach die Antwort zu sein scheint, so verwirrt kann man werden, wenn man verschiedene Auslegungen liest. Mindestens drei Grundpositionen sind mir begegnet.

1. Die klassische evangelikale Auslegung: Römer 7 beschreibt den chronischen Normalzustand des Christen, der auf dieser Seite des Grabes nicht heilbar ist. Solange wir “im Fleisch leben”, müssen wir uns mit dieser inneren Zerrissenheit abfinden.

2. Die Auslegung “sieghafter” Christen: Römer 7 beschreibt den Zustand eines Nicht-Christen “unter dem Gesetz”. Ein Christ ist – man lese nur den ersten Johannesbrief – jemand, der nicht mehr sündigt. Also hat dieses Kapitel mit ihm nicht viel zu tun.

3. Die Auslegung der Verteter eines Zwei-Stufen-Christentums: Römer 7 beschreibt einen Zwischenzustand, den jeder junge Christ erleidet und den er möglichst schnell hinter sich lassen sollte. Sein Weg – so liest sich das in dieser Art von Literatur – gleicht der Wanderung des Volkes Israel nach dem Auszug aus Ägypten. Ihr Weg führte sie von Ägypten (der Welt) zuerst durch das Schilfmeer (erste christliche Grunderfahrung, repräsentiert durch die Taufe), dann durch die Wüste (Römer 7), und schließlich durch den Jordan (zweite christliche Grunderfahrung = “Völlige Heiligung”, “Geistestaufe”, oder wie immer man das Ding nennt) ins gelobte Land (Römer 8). Dort ist die Zerrissenheit beendet, die Niederlage liegt dahinten, und man genießt das “Höhere Leben”, in dem Milch und Honig fließt.

Ich bevorzuge gegenüber all diesen Auslegungen (und ihren Mischformen) Hasos schlichte Auslegung: Römer 7 beschreibt den Menschen, dem es so geht wie beschrieben. Kennst du diese Erfahrung: ich möchte gern tun, was Gott will, aber in mir sind Kräfte am Werk, die mich ein ums andere Mal aufs Kreuz legen? Macht dir das zu schaffen? Dann redet Paulus von dir. Du musst nicht 2000 Jahre Auslegungsgeschichte konsultieren, um das herauszufinden.

Gehen wir also davon aus, du bist einer, dessen Zustand Paulus hier beschreibt. Warum hält er dir diesen Spiegel vor? Sollst du dich damit abfinden und um so heftiger auf den Himmel hoffen (Position 1)? Sollst du diesen Zustand leugnen, weil ein Christ so nicht ist, oder deinen Christenstand anzweifeln: “Wenn ich ein Christ wäre, dann dürfte es mir nicht so gehen” (Position 2)? Sollst du von Pontius nach Pilatus laufen, um eine neue Hyper-Erfahrung zu suchen, die diesen Zustand beendet (Position 3)? Nein, du sollst erst einmal nur verstehen, was wirklich abläuft. In diesem Zustand ist nämlich deine gefühlte Befindlichkeit grottenschlecht, aber eigentlich bist du gar nicht so schlecht dran. Die Erkenntnis, was wirklich mit dir los ist, wird dich nicht nur von “Verdammnis” befreien, sondern den Weg zu größerer Freiheit weisen – mit oder ohne Crossing Jordan-Erfahrung.

Anhang

Wer auf die Frage nach der Zielgruppe von Römer 7 etwas mehr Antwort oder Begründung sucht, für den habe ich noch einige weitere Gedanken aufgeschrieben.

In den ersten acht Kapiteln wechselt von Abschnitt zu Abschnitt das vorherrschende Personalpronomen. Diese Tatsache ermöglicht eine schöne Einteilung (auf die besonders in Theologischen Seminaren großer Wert gelegt wird). Außerdem macht sie den unterschiedlichen Charakter der einzelnen Passagen deutlich. Deshalb folgt eine kommentierte Auflistung.

Römer 1,18-31: 3. Person Plural (“sie”)

Paulus erklärt, warum diese Welt so ist, wie sie ist, und warum die Menschen so leben, wie sie leben. Die Menschen, über die er spricht, sind nicht seine Leser. Seine Leser sollen vielmehr verstehen, was draußen abgeht. Wir müssen Bescheid wissen über die negativen Kräfte, die in der Gesellschaft und in den Menschen wirken. Sonst machen wir uns Illusionen und fangen an mit nutzlosen moralischen Verbesserungsversuchen. Nur wer den Schaden des Volkes wirklich kennt, verlässt sich auf nichts anderes als auf das Evangelium von der heilsamen Intervention Gottes (Römer 1,16-17).

Nur dürfen wir jetzt das Personalpronomen nicht ändern und aus dem “sie” ein “ihr” machen. Die Zeiten, in denen Evangelisation ein anderes Wort für Publikumsbeschimpfung war, sind hoffentlich vorbei. Auch Paulus hat, wenn er mit den Menschen draußen gesprochen hat, sie nicht niedergemacht. Er ist ihnen mit Freundlichkeit und Wertschätzung begegnet. Trotzdem schreibt er diesen Abschnitt (1,18-31). Wir müssen wissen, was für eine Welt Gott so sehr geliebt hat, dass er seinen einzigen Sohn für sie gab.

Römer 2: 2. Person Singular (“du”)

In diesem scharfen Kapitel spricht Paulus einzelne Leser (“du”) direkt an. Gemeint sind die Religiösen (damals jüdischen Ursprungs), die sich im Umfeld jeder Gemeinde einfinden. Religiöse Menschen verlassen sich auf eigene und fordern fremde Regeleinhaltung. Sie denken, Richtigmachen sei der Weg zum Heil oder zum Segen. Sie täuschen sich am leichtesten über die eigene geistliche Position, und sie machen anderen den meisten Stress. In ihrem Stolz sind sie für Liebe und sanfte Töne kaum ansprechbar. Deshalb wird Paulus hier ziemlich straight.

Römer 3 und 4: 3. Person Singular und Plural (“er”/”sie”, “sie”)

In diesem Abschnitt lehrt Paulus über die Gerechtigkeit vor Gott (= ein Zustand, in dem der Mensch in Gottes Augen vollkommen okay ist). Es geht ihm weniger darum, bestimmte Menschen anzusprechen oder zu beschreiben, sondern die Sache zu erklären und zu begründen: wer an Jesus glaubt, ist gerecht, ohne Wenn und Aber, ohne Regeln, ohne Bewährung. Punkt.

Die neutrale dritte Person ermöglicht jedem, diese Aussagen auf sich zu beziehen. Für jeden gilt diese Gerechtigkeit. Wer schon glaubt, wird in seiner Gewissheit bestätigt, dass er gerecht ist. Wer noch nicht glaubt, erfährt, dass dieser Weg “ohne Ansehen” der Person für ihn offensteht. Es gibt einen Gott, der die “Gottlosen für gerecht erklärt” (4,5). Solch einem Gott sollte man nicht länger aus dem Weg gehen.

Römer 5,1-6,10: 1. Person Plural (“wir”)

Hier beschreibt Paulus, was für jeden Gläubigen gilt, für den Frischbekehrten aus Rom genauso wie für den gestandenen Apostel. Es geht nicht um Ideale, Ziele, Aufforderungen oder besondere Reifegrade. Es geht um Wahrheit. Wahrheit ist, was wahr ist. Wahr ist, dass wir gerecht sind (5,1), dass wir in einer vollkommen harmonischen Beziehung mit Gott leben (5,1), seine Liebe in unser Herz ausgegossen ist (5,5) und einiges mehr. Was wahr ist, bleibt wahr, auch wenn du es gerade nicht spürst oder es dir nicht so vorkommt. Wenn die Römer es immer so gespürt hätten oder es ihnen immer so vorgekommen wäre, hätte Paulus sich den Brief sparen können. Umgekehrt stimmt es: Wer es wagt, sich auf solche Wahrheiten zu verlassen, wird früher oder später anfangen, sie auch zu spüren.

Römer 6,11-7,6; 8,1-39: 1. und 2. Person Plural (“wir”, “ihr”)

In diesem Abschnitt setzt Paulus die Beschreibung des normalen Christenlebens fort, mischt sie aber mit einer Reihe von Aufforderungen. Diese Aufforderungen haben an keiner Stelle den Charakter, irgendetwas Gutes von uns zu erwarten. Wir sollen vielmehr in Übereinstimmung mit dem leben, was wir gerade über uns erfahren haben.

Solche Anweisungen sind nicht so zu verstehen, als werde einem Obdachlosen gesagt: “Geh arbeiten! Dann bekommst du Geld zum Leben.” Er würde vielleicht gern, falls er sich nicht schon völlig aufgegeben hat – aber wo, was, wie? Paulinische Anweisungen sind vielmehr so gemeint, als wenn man einem Obdachlosen 10.000 Euro in die Hand drückt und sagt: “Jetzt geh und miete dir ein Zimmer!”

Römer 7,7-25: 1. Person Singular (“ich”)

Durch die Wahl der ersten Person ist dieser Abschnitt vom gesamten Kontext abgegrenzt. Das “Ich” bedeutet: Hier geht es nicht im etwas Generelles, sondern um etwas Persönliches. Nicht um eine objektive Wahrheit, sondern um ein subjektives Erleben. Nicht jedem geht es gerade so, aber wem es so geht, der kann sich im “Ich” wiederfinden. Wenn du dazu gehörst, dann erinnere ich dich noch einmal: dieser Abschnitt endet mit einem “Ich danke”. Morgen brechen wir auf zu diesem Happy End.

Fortsetzung folgt.

6 Kommentare

  1. storch:

    hasos schlichte auslegung verspricht interessant zu werden. ich werde dran bleiben.

  2. wesmont:

    Schliesse mich meinem Vorkommentator an.
    Ich glaube Haso schlägt da einen guten Pfad frei. Ich denke, daß Paulus sich bei diesem “ich” mit einschliesst. Es ist also nicht nur ein therapeutisches Angebot, über das eigene Elend zu sprechen, sondern auch echtes “mit”leiden.

  3. Haso:

    hi wesmont,

    anscheinend bist du nicht nur ein freund der saiten, sondern auch der seiten. freut mich, dich hier begrüßen zu können.

  4. Christian Pust:

    Haso, wo bist du?
    Es ist schon nach 9:00 und deine Fortsetzung ist immer noch nicht da!

  5. Haso:

    Sorry, Christian. Zu Hause haben wir vorübergehend Internet-Probleme, deshalb poste ich von außerhalb und später. Ich hoffe, übermorgen ist alles wieder im Lot.

  6. wesmont:

    Hallo Haso,

    ja ich hab mich gefreut, diese Seite gefunden zu haben.
    Man kann sich un(kaum)erkannt von der alten Seite zeigen, ohne direkte Seitenhiebe fürchten zu müssen.

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