7
September
2008

Urlaubslektüre 1

Urlaubszeit ist Lesezeit, und so finden sich in meinem Reisegepäck einige richtige Bücher aus Papier und Druckerschwärze – im Gegensatz zu meiner Alltagslektüre, die meist aus Bits und Bytes besteht. Bisher ergaben sich eine begeisternde und eine enttäuschende Leseerfahrung. Das Buch, das mich begeistert, ist – soviel sei jetzt schon erwähnt – „Jim and Casper go to church“. Das Buch, das mich enttäuscht hat, ist Rob McAlpines „Post-Charismatic?“.

Dabei hatte ich es mit positiven Erwartungen zur Hand genommen. Der von mir geschätzte Jason Clark hatte es auf seinem Blog empfohlen. Außerdem teile ich die Empfindungen einiger meiner Freunde, mit unserer charismatischen Frömmigkeit an Grenzen gestoßen zu sein, was uns zu der Frage führt, welches Neuland hinter diesen Grenzen liegt. Oder mit einem anderen Bild: da, wo unser charismatisches Blatt ausgereizt ist, möchten wir gern ein paar neue Karten vom Stock ziehen.

Ich hatte mir von Robby Mac Anregungen in diese Richtung erwartet. Stattdessen fand ich mich bei der Lektüre eines weiteren Buches wieder, das die charismatische Bewegung kritisiert – als hätten wir davon nicht schon genug. Dabei hätte Robby ein cooles post-charismatisches Buch schreiben können. Die letzten Kapitel – auf die ich nachher noch lobend eingehen werde – zeigen ihn als jemanden, der von seiner Lebensführung her für ein solches Buch prädestiniert wäre. Aber leider bringt er über weite Strecken nur einen Aufguss von Urteilen und Vorurteilen, Wahrheiten und Halbwahrheiten, die ich seit zwanzig Jahren im Übermaß „genossen“ habe (und die da, wo sie falsch sind, durch Wiederholung nicht richtiger werden).

Ein Grund für meine Enttäuschung mag sein, dass ich nicht wirklich zur Zielgruppe gehöre. Robby hat Leute im Auge, die von ihren Erfahrungen in der charismatischen Bewegung so angefressen und abgegessen sind, dass sie um alles, was irgendwie nach pfingstlicher Spiritualität riecht, einen weiten Bogen machen. So geht es mir definitiv nicht. Ich habe vor rund 15 Jahren alle Warnungen vor der Charismatik, mit denen ich von Kindesbeinen an geimpft worden war, in den Wind geschlagen und mich vorbehaltlos auf das Abenteuer eines enthusiastischen Lebens eingelassen. Noch heute halte ich das für eine der besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe.

Natürlich habe auch ich in unserem Camp Erfahrungen und Beobachtungen gemacht, die nicht das Gelbe vom Ei waren. Aber ich leiste es mir, in Bezug auf unsere Fehler keck zu sagen, sie sind wenigstens nicht so langweilig wie die anderer christlicher Gruppen. Andere – besonders im nordamerikanischen Kontext und in den deutschen Gemeinden, die davon geclont sind – mögen es kritischer erlebt haben und sehen. Vielleicht hilft ihnen ein Buch im Stil von „Lasst uns nicht das Kind mit dem Bade ausschütten, weil es Exzesse gegeben hat“. Trotzdem glaube ich, dass auch sie ein besseres Buch brauchen könnten.

Zu den Punkten, die mich enttäuscht haben, gehört, dass Robby das Thema ausschließlich in den Kategorien von falscher und richtiger biblischer Lehre behandelt. Die Denkvoraussetzung des Buches scheint zu sein: wenn es schlechte charismatische Praxis gibt, steht dahinter falsche Lehre. Wenn die Lehre biblisch korrigiert wird, wird die Praxis besser. Das mag für ein tüchtiges evangelikales Buch eine brauchbare Arbeitshypothese sein, aber für jemanden, der sich in den postmodernen, missionalen Kontext stellt, ist das zu dünn. Wie wir als Christen denken und handeln, ist nur zu einem gewissen Teil Ergebnis unserer Belehrung. Kultur, Biographie, religiöse Sozialisierung und viele andere Faktoren spielen dabei eine Rolle.

Ein Beispiel, das sich auf das Buch bezieht: wenn ein charismatischer Pastor seine Gemeinde autoritär leitet, dann liegt es nicht einfach nur daran, dass Watchman Nee überzogene Statements von sich gegeben hat, die von amerikanischen Leitern übernommen wurden und seither als Shepherding-Virus in der charismatischen Szene ihre infektiöse Wirkungsgeschichte ausüben. Autoritäre und manipulative Leiter habe ich überall getroffen. Manchmal liegt es daran, dass Leute ihre Minderwertigkeitsgefühle dadurch kompensieren wollen, der Beauftragte des Herrn zu sein. Manchmal kommen sie im Rahmen globaler Völkerwanderung einfach nur aus Kulturen, in denen der Macho Leader üblich ist.

Deshalb reicht es nicht aus, ein paar Bibelarbeiten über neutestamentliche Autorität in ein Buch einzuflechten. Es gibt nicht die „christliche“ oder „biblische“ Form von Leitung. So wie unsere Großeltern Gemeindeleitung erlebt haben, hätte sie heute in den Innenstadtbezirken von Berlin null Chance. Unter Post-Charismatik würde ich verstehen, charismatische Erfahrungen, Lehren und Praktiken aus dem Kontext christlicher amerikanischer (Südstaaten-)Event-Kultur herauszulösen und sie neu für heutige „emerging generations“ zu kontextualisieren.

Etwas versöhnt hat mich dann der letzte Teil des Buches. In dem Kapitel „People of Faith“ schreibt er über die Beziehung zu den Armen und zitiert Amy Sherman: „Often the church has been guilty of a cheap benevolence that wants only to help the poor, but isn’t willing to know them.“ Hier liegen sehr fruchtbare Herausforderungen für den, der in die Post-Charismatik aufbrechen will.

Aber warum muss das gleich wieder in einen antagonistischen Gegensatz zur Glaubensbewegung und ihrem “Wohlstandsevangelium” gestellt werden? Vertreter der Glaubensbewegung haben mehr für die Armen getan, als manchem ihrer Kritiker bewusst ist. Ein ausgesprochener Kenneth-Hagin-Jünger wie Ray McCauley war für die Überwindung der Apartheid in Südafrika von kaum zu überschätzender Bedeutung. Glaubensbewegung und der Einsatz für soziale Gerechtigkeit können sich sehr wohl miteinander vertragen – und ihre Symbiose wäre für mich ein möglicher Strang post-charismatischer Entwicklungen.

Abgesehen davon: Warum kümmern wir uns um die Armen? Damit wir uns als Wohltäter fühlen können – oder damit sie nicht mehr arm sind? Hinter dem Engagement für Arme steht doch die Überzeugung, dass nach Gottes Willen niemand arm sein sollte. Das ist das ganze “Wohlstandsevangelium”: jeder sollte mindestens so viel besitzen, dass er in seinem gesellschaftlichen Kontext ein menschenwürdiges Leben führen und noch abgeben kann.

Richtig schön wird es am Ende des letzten Teils („Community of the Spirit“), in dem Robby andeutungsweise über seine Erfahrungen unter lauter nichtchristlichen Freunden berichtet, die er als Mitglied einer säkularen Rockband kennengelernt hatte, oder über coole „Worship Jams“, mit denen sie spirituell experimentierten. In diesen Passagen finde ich einen Robby Mac, mit dem ich sehr schnell Freund werden könnte.

Aber warum schreibt er dann das ganze Buch wie ein Bibelschullehrer, wenn er doch solch ein missionaler Mensch aus Fleisch und Blut ist?

 

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