18
Mai
2009

1. Spandauer Integrationskonferenz

nameIch bin gerade von der Veranstaltung mit Franz Müntefering zurück. Die SPD Spandau hatte vor einiger Zeit angefragt, ob sie ihre 1. Integrationskonferenz in unserem Gemeindehaus durchführen konnten. Es gab gute Gründe, diesen Wunsch zu erfüllen. Die Sozis machen in unserem kommunalen Umfeld eine gute und wirksame Integrationspolitik, wie wir aus eigener Anschauung wissen. Wir selbst sind als Gemeinde an diesem Thema dran: In unseren Räumen treffen sich zwei afrikanische Gemeinden, mit denen wir freundschaftlich verbunden sind; wir haben Kontakt zu vielen Kids aus türkischen und arabischen Familien. Außerdem gibt es Bereiche intensiver Zusammenarbeit, wie die Aktion “Stark ohne Gewalt”, von der ich schon früher berichtet habe. Seit kurzem gibt es einen Verein als Träger dieser Initiative, in dem unser Pastor Vorsitzender ist.
So haben wir unseren politischen Freunden gern unser Haus zur Verfügung gestellt, gemäß einem grundsätzlichen Beschluss, dass unser Gebäude für politische Aktivitäten genutzt werden kann, wenn diese erkennbar auf das Allgemeinwohl gerichtet sind und nicht nur einseitig auf parteipolitische Interessen (auch wenn diese dabei nicht unbedingt ausgeschlossen sind).
So füllte sich also unser Haus um 16.00 Uhr mit Christen, Moslems, Agnostikern, Atheisten, Abgeordneten, Stadträten und Franz Müntefering, dem Hauptredner der Veranstaltung. Über Twitter habe ich einige Notizen festgehalten, anhand derer ich die für mich wichtigen Punkte der Veranstaltung zusammenfasse. Zu Beginn betonte unser Landtagsabgeordneter Raed Saleh in seiner Begrüßung, dass Franz Müntefering in letzter Zeit durch sein persönliches Engagement dem Thema Integrationspolitik in der SPD einen deutlichen Prioritätszuwachs verschafft hat. Das ist gut. Je deutlicher sich die Partei jetzt in diesen Fragen positioniert, desto mehr wird davon in spätere eventuelle Koalitionsverhandlungen einfließen müssen.
Anschließend übernahm unser Pastor die Moderation. Er begann mit einem Segensgebet für unser Land, dass auf unseren Wunsch hin vom Protokoll-Verantwortlichen ins Programm aufgenommen worden war. Der MdB unseres Wahlkreises Sven Schulz plädierte mit dem Beispiel seiner spanischen Mutter für eine Ausweitung des Wahlrechts und die Möglichkeit doppelter Staatsbürgerschaft für Migranten.
Danach stellte ein Polizeibeamter Integrationsinitiativen wie TiK und Stark ohne Gewalt vor. Hier vor Ort ist die Polizei ein wichtiger und positiver Teil von Aktionen gelebter Integration. Ein wesentliches Element von Stark ohne Gewalt waren zum Beispiel Unternehmungen, die zu persönlichen Beziehungen zwischen Polizisten und Jugendlichen “von der Straße” geführt haben. Es ist heute nichts Ungewöhnliches, wenn in Wohngebieten, wo früher Polizei und Jugendliche distanziert bis feindselig gegeneinander eingestellt waren, Jugendliche, die auf der Straße abhängen, bei einem Polizeiauto an die Scheibe klopfen und die Besatzung mit Vornamen grüßen.
Nach einigen Musikstücken mit und ohne Migrationshintergrund war Franz Müntefering an der Reihe. Die Punkte, die er ansprach, sind nicht unbedingt neu:

  • engagiertes Eintreten gegen Vorurteile
  • keine 0-8-15-Integrationspolitik, weil es nicht “die” Migranten gibt, sondern viele unterschiedliche Menschen, denen es gerecht zu werden gilt
  • der Aufstiegswille vieler Migranten ist größer als mancher meint; die größter Hürde für Integration sind nicht mangelnde Bereitschaft, sondern mangelnde soziale Rahmenbedingungen (besonders im Bildungsbereich und im Bereich gesellschaftlicher Teilhabe)
  • wenn im Schulsystem die Kinder bessergestellter Familien unter sich bleiben, “schaffen wir soziale Autisten”
  • ein weiteres Plädoyer für die Ausweitung des kommunalen Wahlrechts auf Nicht-Eu-Bürger und die Möglichkeit doppelter Staatsbürgerschaft
  • leichtere und schnellere Anerkennung von Bildungsabschlüssen, die woanders erworben wurden

Wie gesagt, nicht unbedingt neue Gedanken, die aber durch Müntes Betonung, Zusammenstellung und Begründung mit einer Nachdrücklichkeit versehen werden, durch die die SPD an dieser Stelle in die Pflicht genommen ist. Besonders gefreut hat mich, dass er auch engagiert zum Problem von Flüchtlingen, Bleiberecht usw. Stellung nahm und mehr Humanität einforderte. Als jemand der eine Reihe betroffener Freunde (aus Afrika und anderen Gegenden) hat, liegt mir diese Thema sehr am Herzen, weil ich aus eigener Erfahrung etwas von dem Unrecht weiß, dass diesbezüglich in unserem Land geschieht.

Zum Schluss erhielt der Mädchenladen des Pfadfinderbundes den ersten Spandauer Integrationspreis für seine gute Arbeit im Kiez. Anwesend war auch Bilkay Öney, die kürzlich durch ihren Übertritt von den Grünen zur SPD in Berlin eine gewisse Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie stammt aus diesem Kiez und besuchte als Jugendliche selbst den Mädchenladen.

Mein Fazit: hier sind Leute am Werk, die in Sachen Integration in unserem Stadtteil etwas voranbringen. Und die Veranstaltung mit Münte dürfte sie darin ermutigt haben.

Und bevor uns jemand für eine SPD-Gemeinde hält: andere dürfen gern auch mit ihrer Bundesprominenz bei uns Veranstaltungen durchführen, wenn sie ein Thema haben, dass erkennbar aufs Allgemeinwohl ausgerichtet ist.

3 Kommentare

  1. Norbi:

    herzlichen glückwunsch zu dieser aktion, das finde ich cool

  2. Tom Goetze:

    Klingt richtig gut. Und schön, dass Ihr Eure Gemeinderäume dafür geöffnet habt. Manchem mag das kontrovers erscheinen. Ich finds klasse. Denn es zeigt Offenheit ohne dabei in Menschenfurcht unterzugehen (was das Segnungsgebet zeigte).

    Nur über eines bin ich gestolpert. Im drittletzten Absatz der erste Satz. Was erhielt der Mädchenladen denn?

    Liebe Grüße

    Tom

  3. Günther:

    Diese Aktion finde ich richtig klasse. Sie zeigt mir auch, dass neue Gemeinden durchaus schon in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind und nicht nur am Rande verweilen. Dies setzt sicherlich auch den aktiven Willen voraus, eine Plattform für die unterschiedlichsten Menschen sein zu wollen. Vielen Dank für dieses Beispiel und ich hoffe, dass es in welcher Form auch immer in den christlichen Gemeinden in Deutschland Schule machen wird. Was mir besonders wichtig scheint ist, dass wir nicht nur immer daran arbeiten sollten, umsere (christliche, was ist das eigentlich genau? ) Meinung zu pushen, sondern dass wir als neue Gemeinden in den Dialog treten – in einen Dialog mit offenem Ende …

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