Mai
2006
Vor dem Denken kommt das Handeln: Nächstenliebe
Lukas 10:25 Da stand ein Gesetzeslehrer auf, und um Jesus auf die Probe zu stellen, fragte er ihn: Meister, was muß ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? 26 Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz? Was liest du dort? 27 Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst. 28 Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach, und du wirst leben. 29 Der Gesetzeslehrer wollte seine Frage [wörtlich: sich selbst] rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster?
Dieser Mann ist ein Halachist. Er will Gottes Gebote halten, indem er sie zuerst analysiert, die darin enthaltene Pflicht genau festlegt, und sie dann ausführt. So kann er sicher sein, alles richtig gemacht zu haben. Er kann aber auch sicher sein, nicht wirklich geliebt zu haben. Es geht ihm um das eigene Richtig-Machen – er “wollte sich selbst rechtfertigen” -, nicht um den Nächsten. Überhaupt lässt sich Liebe nicht synthetisch aus Einsichten zusammensetzen. Man findet den Nächsten nicht, indem man ihn definiert.
Es gibt – wie für alles – eine Zeit zu analysieren und zu definieren. Aber es gibt auch eine Zeit, nicht zu analysieren und nicht zu definieren. Viele von uns suchen danach, wie wir heute als Christen glaubwürdig leben können. Wir fragen uns, welche Metamorphose die Gemeinde braucht, um nicht länger wie eine Raupe durchs Land zu kriechen, sondern in Schönheit zu fliegen. Das bewegt uns. Darüber schreiben, predigen, diskutieren, posten und kommentieren wir. Dafür – davon gehe ich aus – beten wir. Doch wenn in diesem Suchen an falschen Stellen – es gibt richtige – analysiert und definiert wird und dabei dicke Bücher zitiert werden, die Haso nicht versteht, obwohl er Mathematik und Theologie studiert hat, dann frage ich mich gelegentlich: Kann es das sein? Die Definition – mag sie noch so richtig sein – ist nicht der Motor für Veränderung.
Jesus antwortet diesem Mann mit einem Mashal. Meshalim sind Gleichnisse oder Sprüche. Sie drücken Wahrheiten im Bild aus, setzen Pointen. Sie verweigern sich der gedanklichen Eroberung. Sie sind selber Eroberer unseres Herzens. Wer ein Mashal analysiert, nimmt ihm das Leben wie einem sezierten Insekt. (Deshalb sind Gleichnisse, die voller Leben aus dem Munde Jesu kamen, in manchen Kommentaren und Predigten mausetot.) Wer ein Mashal auf logische Stimmigkeit abklopft, findet brüchige Stellen. Der Halachist wird zwischen den beiden folgenden Mashals tatenlos verhungern wie der Esel zwischen den beiden Heuhaufen:
Sprüche 26:4 Antworte dem Toren nicht nach seiner Narrheit, damit nicht auch du ihm gleich wirst! 5 Antworte dem Toren nach seiner Narrheit, damit er nicht weise bleibt in seinen Augen!
“Wie”, so fragt er sich, “soll man gleichzeitig antworten und nicht antworten?” Der Mashalist hingegen freut sich über diese paradoxen Pointen wie einer, “der große Beute macht” (Psalm 119,162).
Mashals waren das Lebenselement Jesu. Wenn er sagt: “Es sei aber eure Rede: Ja, ja! Nein, nein! Was aber darüber hinausgeht, ist vom Bösen” (Matthäus 5,37), redet er als Mashalist. Auf der logisch-analytischen Ebene ist dieses Wort absurd. Nur ein PC kommt mit einem binären Wortschatz (“Ja” = 1; “Nein” = 0) aus. Man kann aus der Aussage Jesu keine ethische Regel ableiten. Jeder Weg, zuerst analytisch die Pflicht abzusichern und dann die richtige Tat zu tun, ist versperrt. Wer erst richtig denken und dann richtig handeln will, scheitert am Lehrer Jesus.
Sicherheitshalber weise ich darauf hin, der Satz “Vor dem Denken kommt das Handeln” ist auch ein Mashal. Man könnte auf der logisch-analytischen Ebene viele Einsprüche gegen ihn erheben, denen stattzugeben wäre. Trotzdem bleibt die Pointe wahr. Doch zurück zur Nächstenliebe:
Lukas 10:30 Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halbtot liegen … 33 Dann kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid, 34 ging zu ihm hin, goß Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn … 36 Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde? 37 Der Gesetzeslehrer antwortete: Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso!
Die Nächstenliebe dieses Mannes bestand nicht darin, eine vorher erkannte Pflicht abzuarbeiten. (Wer liebt, ist sich oft nicht einmal bewusst zu lieben; vgl. Matthäus 25,37-39.) Seine Nächstenliebe entsprang der spontanen Bewegung seines Herzens. Den Nächsten erkennt man nur, indem man selber Nächster wird. Was Liebe ist und wer der Nächste ist, versteht man erst, indem man liebt und nachdem man geliebt hat. Der Weg von Jerusalem nach Jericho ist der Ort der Erkenntnis. Zumindest für Samariter.
Die Tragik der halachistischen Gesetzeslehrer: sie hatten keinen Nächsten. Weil nie die Handlung vor dem Denken kam.
Haso
Getextetes
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>>Mashals waren das Lebenselement Jesu. Wenn er sagt: “Es sei aber eure Rede: Ja, ja! Nein, nein! Was aber darüber hinausgeht, ist vom Bösen” (Matthäus 5,37),
Ich dachte, damit meint er, dass man nicht schwören soll.
Eben nicht über ein einfaches Ja oder Nein hinaus.
Dein heutiger Beitrag erinnert mich an das, worüber ich heut auch nachdenke. Jesus sagt:Matth. 11:29 …Lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.
Er redet davon Eigenschaften zu “lernen”, die Gestaltung von Leben. Und nicht von festtackerbarem Wissen.
Eure Diskussion ist spannend und macht Spaß. Zwischenzeitlich kamt Ihr mir aber eher vor wie 2 Athener auf dem Marktplatz *grins*
Mit der reinen Analyse wieder einen Gang zurückgehen ist eventuell wirklich empfehlenswert.
Liebe Grüße
TrüLo
selbst das – man solle nicht schwören – meint jesus eben auch nicht.
er selbst hat vor dem hohen rat unter eid ausgesagt: “Jesus aber schwieg. Und der Hohepriester sagte zu ihm: Ich beschwöre [vereidige] dich bei dem lebendigen Gott, daß du uns sagst, ob du der Christus bist, der Sohn Gottes! Jesus spricht zu ihm: Du hast es gesagt. Doch ich sage euch: Von nun an werdet ihr den Sohn des Menschen sitzen sehen zur Rechten der Macht und kommen auf den Wolken des Himmels” (Matthäus 26,63-64).
paulus hat geschworen: “gott ist mein zeuge” (römer 1,9) ist eine eidesformel.
gott schwört “bei sich selbst” (genesis 22,16).
ein eid ist also eine gute sache! wenn wir das mashal jesu in halachistische sprache übersetzten, sähe das am ehesten so aus:
du sollst überhaupt nicht schwören“es darf keines eides bedürfen, damit du die wahrheit sagst.” dass man mit den analytischen fragen damit nicht am ende ist, liegt auf der hand.aber es geht ja auch nicht um eine ethik der wahrhaftigkeit. es geht darum, dass das mashal jesu uns vielleicht beim nächsten mal einfällt, wenn wir uns im gespräch um unbequeme oder verpflichtende wahrheit drücken wollen. wenn wir dann die flucht nach vorn antreten und “ja” oder “nein” antworten, dann verstehen wir, was jesus gemeint hat.
[...] dem Titel “Vor dem Denken kommt das Handeln” geschrieben: [1] [2] [3] [4] [5] [6] [7] [8] [9] [10] [11] [12] [13] [14] [...]