31
Dezember
2005

Bekenntnisse eines Blog-Novizen

Für mich gehört zu den Wundern des vergangenen Jahres: Ich bin ein Blogger geworden. Lass mich erklären.

Noch vor einem Jahr gehörte zu meinen Persönlichkeitsmerkmalen eine ausgeprägte Schreibhemmung. Ich habe immer gern gesprochen – eine Vorliebe, die sich in unserem Familienstammbaum lückenlos von meinem Großvater bis zu meinem dreijährigen Enkel feststellen lässt. Die “schwere Zunge”, über die Mose in der Heiligen Schrift jammert (Exodus 4,10), war nie mein Los. Stattdessen plagte mich eine “schwere Hand”.

Ich erinnere mich an lange Stunden, die ich mit kurzen Briefen verbrachte. In den Tagen B.C. (“Before Computer”) bedeutete das unzählige zerrissene DIN A4 Blätter im Papierkorb. In den Tagen A.D. (“After Digitalisation”) bedeutete das eine überdurchschnittliche Abnutzung der “Entf”-Taste auf allen Keyboards, die mir unter die Finger kamen.

Eine erste Hilfe geschah mir durch Pilatus. Sein Motto “Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben” (Johannes 19,22) wurde mir zum Rhema. Hinfort stand ich demütig zu meinen schriftlichen Entwürfen und ließ sie auf die Menschheit los. Aber nur dann, wenn es unvermeidlich war. Ich schrieb immer noch ungern und steif.

Dann reiste im Januar 2005 einer jener angelsächsischen Propheten durchs Land, die ein hervorragendes altertümliches Englisch sprechen, aber auch hervorragend weissagen. Dieser Mann Gottes – der er wirklich ist – sprach einige wichtige Dinge in mein Leben. Darunter einen Satz: “Write down the testimony.” Von diesem Satz kam ich nicht mehr los. Ich ahnte, dass sich etwas ändern würde.

Noch zweimal wurde mir im vergangenen Jahr das Schreiben von höchster Stelle versprochen oder aufgetragen. Also fing ich an. Und siehe, es geht. Etwas hat sich verändert. Ich muss ja nicht gleich einen Literaturpreis gewinnen. Aber Schreiben macht mir Spaß, und es gibt sogar Leute, die mich gern lesen. Das ist für mich ein Wunder.

Nach dieser Freisetzung des Jahres wurde für mich die Welt der Blogs eine der Entdeckungen des Jahres. Ich ahne schon, einige der neuen digitalen Begegnungen werden mein Leben prägen. (Ein immer wiederkehrendes Grundmuster meines Lebens: Gott führt mich, indem er mich auf etwas stoßen lässt, was mir Spaß macht. Ich stürze mich hinein und stelle erst nach einiger Zeit fest, dass die “zufällige” Entdeckung von göttlichen Hintergedanken begleitet war. Ich glaube, ich lebe am meisten in Übereinstimmung mit Gottes Willen, wenn ich spontan bin und meinem Herzen folge.)

Was mir in dieser neuen Welt allmählich aufgeht, verdeutliche ich am besten mit einem Zitat von Johannes. Er schreibt über den Wandel im Web:

“Nach der Einführung machten sich schnell die großen Unternehmen das Web als Vertriebs- und Marketing-Kanal zu nutze. Sie stellten aufwendig gestaltete Webseiten ins Internet. Dabei stand die Präsentation im Mittelpunkt …

Nun ist das Web wieder dabei, sich zu wandeln … Das Web wandelt sich vom Netz von Informationen zum Netz von Menschen …

Diese Entwicklung vom Netz von Webpräsenzen von großen Unternehmen und Organisation zu einem Netz von Personen, ihrem Wissen und ihren sozialen Verknüpfungen ist so grundlegend, dass sich dafür das Schlagwort “Web 2.0” durchgesetzt hat.”(Es lohnt sich, den ganzen Text zu lesen.)

Seit 10 Jahren kann mir niemand vorwerfen, ich hätte dem Internet nicht genügend Liebe und Aufmerksamkeit gewidmet. Ich habe mich über Gott und die Welt informiert, im Live Ticker mit meinem Fußballverein gelitten und mein geistliches Leben (neben der Bibel) am meisten aus den Webseiten von Erneuerungs-, Erweckungs-, Glaubens- und anderen Bewegungen genährt. Mein Download-Manager hat unzählige PDFs, Audios und Videos aus dem Netz gezogen. Das hat mir und anderen gut getan. Ich verdanke diesen Internet-Präsenzen unendlich viel.

Trotzdem stelle ich fest, dass sie in der Regel nach dem Prinzip des “alten Web” funktionieren. “Sie stellten [nicht immer] aufwendig gestaltete Webseiten ins Internet. Dabei stand die Präsentation im Mittelpunkt” – nicht die Interaktion. Wie gesagt, ich habe das genossen. Und ein Stück davon wird, so hoffe ich, bleiben. Es gibt Leute, die ich so gern lese oder höre, dass ich auch ohne Kommentar-Funktion gern auf ihren Seiten verweile.

Irgendwie hängt diese Webnutzung jedoch nicht nur mit der Geschichte des Web, sondern auch mit der Mentalität der Gemeinde zusammen. An vielen Stellen und in vielen Köpfen herrscht immer noch die Erwartung vor, geistliches Leben werde am besten durch fachmännische Präsentationen gefördert. Experten verstehen die Bibel für mich, sie lösen meine Probleme für mich, sie empfangen das göttliche Wort für mich, sie pflegen und hegen mich. Am besten präsentieren sie alles noch als gutes “Theotainment”. Und wenn einer zur Mündigkeit durchstößt, dann wird er seinerseits zum Präsentator für andere.

Das ist nicht der ganze Ratschluss Gottes. Hier, im Universum der Blogs, tummeln sich Christen, denen eine andere Nutzung des Web naheliegt, weil sie für ihr ganzes Leben weitergehende Erwartungen haben. “Web 2.0″ läuft bei ihnen offene Türen ein, weil sie von “Church 2.0″ träumen oder schon die Beta-Version testen. So wie das Web sich “von einem Netz von Informationen zu einem Netz von Menschen wandelt”, wandelt sich ihre Kirche von einem Netz von Dienstleistungen, Projekten und Veranstaltungen zu einem Netz von Menschen, “ihrem Wissen und ihren sozialen Verknüpfungen”.

Ich glaube nicht, das Web 1.0 und Church 1.0 keine Bedeutung mehr hätten. Es gibt eine Zeit, “zu jemandes Füßen zu sitzen”. Aber es gibt auch eine Zeit, zu chatten, zu posten und zu kommentieren. Es gibt eine Zeit, in der alle lehren und alle lernen. Es gibt eine Zeit, in der die Hierarchie flach wird und aus der Pyramide ein Netz.

Für mich ist kein Zufall, dass ich die neuen Seiten des Web in einer Zeit entdecke, in der ich wieder im Umbruch bin. Ich habe die letzten vier Jahre meines Lebens zurückgezogen verbracht, um zu beten, Gott zu suchen und neue geistliche Quellen aufzuspüren. Nun merke ich, dass diese Zeit zu Ende geht. Zurück ins Leben, hinein in die Stadt, in die Community, ins Netz. Das nächste spannende Abenteuer mit Gott wartet. Und ich bin dabei, bloggend und auch sonst.

9 Kommentare

  1. Johannes Kleske:

    Siehe dazu auch meine englischen Artikel zu den Parallelen von Web 2.0 und emerging church: http://tautoko.biz/archives/2005/the-similarities-of-web-20-and-the-emerging-church/

    Macht übrigens wirklich Spaß, dein geschriebenes zu lesen =)

  2. storch:

    hi haso,
    vielen dank für den artikel (und über diesen umweg auch “danke” an johannes!). ich merke immer mehr, wie ich in der spannung ziwschen web1.0 / church 1.0 und der 2.0beta stehe. als prediger habe ich rund 150 termine im jahr. präsent oder über mp3, manchmal auch radio erreiche ich gott-weiss-wie-viele tausend menschen im jahr. aber ich merke auch, dass das nicht alles ist und es nur einen teil von dem bewirkt, was jesus wirken will.
    ich sehe das auch in meinem leben: ich lerne viel durch bücher und mp3-predigten, aber auch durch kontakte und nihct zuletzt durch blogs. vernetzung ist mir sehr wichtig, viel wichtiger als hierarchie usw. vernetzung geschieht imho sehr viel durch blogs und web 2.0. was mir noch fehlt ist die umsetzung in der gemeinde. blogger sind eine spezialisierte minderheit. von dieser ist es wiederum nur ein kleiner teil, der mit der absicht zum austausch und gegenseitiger förderung bloggt; die meisten veröffentlichen nur ein tagebuch.
    von daher ist es vielleicht zu früh von web 2.0 und church 2.0 zu sprechen. bei church 2.0 bin ich sogar ziemlich sicher, dass es so ist. vielleicht wird es eine der grössten aufgaben der zukunft, eine lauffähige betaversion zu entwickeln?

  3. georgos Weblog » Es wird Zeit!:

    [...] Nach dem ich einigen Freunden das Bloggen lehrte, wird es nun Zeit für meinen eigenen Blog. Dabei muss ich gestehen, dass ich hier einfach einem Hype nachgehe. Es gibt Leute, die Bloggen aus Berufung (HaSo ist so einer – hier berichtet er über sein Berufungserlebnis). Andere berichten über ihre Projekte (die Volxbibel ist so ein Projekt, das maßgeblich durch einen entsprechenden Blog promotet wird). Einige haben es einfach drauf, unterhaltsames zu verfassen (so mein Freund Johnny – den muss man lesen). [...]

  4. Arthur:

    Lieber Haso!

    Dein gesprochenes Wort hat mich schon immer fasziniert -dein geschriebenes Wort hat’s aber genau so in sich…
    Wenn Gott den Auftrag gibt: Schreibe! – gibt er auch die Fähigkeit dazu und die Kraft!
    Und ich denke, ich bin nicht der Einzige, der es bestätigen kann.
    Ich freue mich, dass Gott “Wunder” tut…

  5. Haso:

    Hallo Arthur, alter Recke,

    was für eine nette Überraschung, dich hier zu treffen. Grüß die alten Freunde von mir.

    Haso

  6. Kerstin:

    Schön, dass Du Dich zum ‘bloggen’ entschieden hast. :-)
    Ich les immer wieder gern bei Dir mit. *outet sich*

  7. Jürgen:

    Lieber Haso,
    was ich hier mit Genuss lese, ruft alte Erinnerungen wach.
    Erinnerungen, die so alt sind, dass sie bis ins letzte Jahrtausend reichen.
    Aber trotzdem so frisch und lebensnah steht es mir vor Augen:

    als Studierende am Theologischen Seminar des FBGG hören wir gespannt auf die Ausführungen eines jungen Dozenten. Wir dürfen ihn duzen. Schon Generationen von Studierenden vor mir nannten ihn Haso. Wir auch.

    Wir lernten, biblisch zu denken. Mit Herz und Verstand. Der Unterricht ist spannend, nah an der Bibel, lebensverändernd. Keiner schläft. Keiner liest idea spektrum unter der Bank. Fast alle schreiben mit. Jedes Wort ist kostbar, darf nicht verlorengehen.

    Schon damals hätte man sich ein Spracherkennungsprogramm (wie z.B. iListen http://www.application-systems.de/ilisten/) gewünscht, falls man geahnt hätte, dass es so etwas jemals geben wird.

    Oder – dass Haso selber schreibt. Wer hätte gehofft und geahnt, dass das wahr wird.

    Lieber Haso, ich freue mich, deinen Blog (über meinen Schwager Georg http://blog.georgos.de ) gefunden zu haben und lese sehr gerne, was du schreibst.

    Ich ermutige dich mit Offb 1,11: Was du siehst, das schreibe in ein Buch… :-)

    Liebe herzliche Grüsse an meinen “alten” Lehrer
    Dein Jürgen

  8. haso:

    hi jürgen,

    vielen dank für die blumen. einiges kann ich direkt annehmen. z.b. dass bei mir im unterricht keiner unter der bank idea spektrum gelesen hat. ich habe nämlich jede neue ausgabe gierig einkassiert, wenn die post kam, um als erster zu lesen. so war das blatt erst nachmittags auf dem freien markt :-)

    auch deine biblische ermahnung will ich gern befolgen. ich schreibe alles, was ich sehe, in ein “notebook” (ist das noch bibeltreu genug?).

    würde mich freuen, wenn unser kontakt sich auch sonst wieder auffrischt. mach´s gut, jümü.

    haso

  9. fritzBlog:

    [...] Ich weiß nicht, wer von euch schon was von Web 2.0 gehört hat, mir läuft es momentan andauernd über den Weg. Es geht darum, daß das ursprüngliche Konzept des Internets, nämlich daß jeder daran mitmacht und nicht nur einzelne Personen/Firmen ohre Seiten ins Netz stellen, durch die Blogs wiederbelebt wird. Und dadurch bekommen das Internet eine soziale Dimension. Spannend wird das, wenn man es mit dem christlichen Glauben (ja genau: emergent) vergleicht. Da weiterlesen und auf alles klicken, was weitere Information verspricht. Noch drei Links: Ein witziges Bild und ein Mythos wird enttarnt (MP3, 835 KB). Meine Cousine bloggt jetzt auch und schreibt über eine Freundin she is an awesome chick. Was soll das denn jetzt bedeuten? [...]

Einen Kommentar hinterlassen:

Using Yaletown Theme for Wordpress.