September
2006
das Wort und die Axiome
In der Mathematik (und vermutlich in jeder Wissenschaft, aber Haso ist ja Diplommathematiker) gibt es unbeweisbare Grundannahmen, die man braucht um überhaupt arbeiten zu können. Diese Grundannahmen heissen Axiome (grch.”Forderung, Geltung) und stellen die Basis dar auf der man Mathematik überhaupt erst betreiben kann. Axiome sind sozusagen grundsätzliche Definitionen aus denen sich alles andere ableitet.
Das gleiche gilt für die Theologie und unser Verständnis der Bibel. Hier sind die Axiome Grundwahrheiten von denen aus sich der Glaube erschliesst. Diese Grundwahrheiten können nur angenommen, nicht bewiesen werden. Von diesen Grundwahrheiten ausgehend können aber dann andere Glaubenssätze logisch bewiesen werden. Ein biblisches Beispiel dafür finden wir in Apostelgeschichte 18,28, wo es über Apollos heisst: “Denn mit Nachdruck widerlegte er die Juden, indem er öffentlich aus der Schrift nachwies, daß Jesus der Messias sei.”
Um den Juden etwas aus der Schrift beweisen zu können mussten diese erst einmal an die Schrift glauben. Einem Heiden hätte er nichts aus der Schrift beweisen können, denn den hätte die Schrift nicht interessiert. Dass aber die Schrift Gottes Wort ist, ist unbeweisbar. Man muss daran glauben, aber niemand kann schlüssig beweisen, dass die Bibel Gottes Wort ist. Es ist noch nicht einmal theoretisch möglich das zu beweisen, denn alle Indizien, die darauf hinweisen kommen aus der Bibel selbst, sind Selbstzeugnisse und damit für logische Schlüsse unzulässig. Die Aussage der Bibel über sich selbst: “ich bin Gottes Wort” kann man annehmen und glauben oder eben nicht. Beweisbar ist diese Aussage jedenfalls nicht.
Um nicht falsch verstanden zu werden: es gibt vieles, was den Anspruch der Bibel, Gottes Wort zu sein, plausibel macht und insgesamt ist die bibelgläubige Position hervorragend argumentierbar. Erfüllte Prophezeiungen, nachprüfbare Aussagen, eine lückenlose Überlieferungsgeschichte, Zeugnisse der Wirksamkeit usw. lassen es höchstwahrscheinlich erscheinen, dass wir es mit Gottes Wort zu tun haben, aber es ist immer noch eine Glaubensfrage. Man muss es einfach annehmen.
Das ist das erste Axiom, das die (bibelgläubige) Theologie aufstellt. Davon, ob man dieses Axiom glaubt oder nicht hängt alles ab, was weiter theologisch geschieht.
Aber es gibt weitere theologische Axiome, die den Blickwinkel darstellen, aus dem wir die Bibel verstehen. Diese sind nicht so fundamental wie das erste, haben aber immer noch weitreichende Konsequenzen. Ich weiss nicht, wie viele es gibt, oder ob es überhaupt möglich ist, eine komplette Liste vorzulegen.
Ein wichtiges Axion ist sicherlich die Frage nach dem freien Willen. Ob der Mensch einen freien Willen hat oder nicht. Beides ist aus der Bibel argumentierbar. Man kann biblisch nicht beweisen, was stimmt. Luther und Erasmus haben über die Frage gestritten und danach ganze Heerscharen von Theologen. Das Problem besteht meiner Meinung darin, dass versucht wurde, etwas aus der Bibel zu beweisen, was tatsächlich eine perspektive auf die Bibel ist.
Je nachdem wie man sich entscheidet wird das gravierende Auswirkungen darauf haben, wie man die Bibel liest, das Evangelium, die Beziehung Gottes und der Menschen usw. versteht.
[Originalpost vom 05.09.05]
storch
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