24
November
2006

Was meinen wir, wenn wir sagen, etwas sei Sünde (1)

“Ist … Sünde?” Kaum eine Frage ist mir so oft begegnet wie diese. Christen und Nichtchristen stellten sie. Manchmal wurde sie gestellt, um Rechtgläubigkeit zu testen. (“Nennst du Sünde noch Sünde?”) Manchmal wurde sie gestellt, weil jemand anders die Antwort hören und zurechtgewiesen werden sollte. (Ich erinnere mich an eine Reise in ein osteuropäisches Land, wo die Männer mich nach der Predigt öffentlich fragten, welches Outfit den Frauen eine Sünde sei.) Manchmal wurde sie gestellt, weil einer nicht den Mut hatte, auf sein eigenes Gewissen hin zu handeln und von mir eine Unbedenklichkeitsbescheinigung begehrte. Manchmal wurde sie berechtigt gestellt.

“Ist … Sünde?” An einige Fassungen dieser Frage erinnere ich mich wie an Relikte aus grauer Vorzeit. Es ging um Genussmittel (Alkohol und Nikotin), Freizeitbeschäftigungen (Tanz und Stadionbesuch) oder Kulturgüter (Beatmusik und Fernseher). Meist trat die Frage in Verbindung mit ihrer Zwillingsschwester auf: “Ist … weltlich?” So formuliert, ergab sich ein noch viel weiteres Anwendungsgebiet, wenn denn in diesem Zusammenhang von “Weite” geredet werden kann.

Von solchen Fragestellungen habe ich mich vor vielen Jahren verabschiedet und gedenke die Diskussion darüber nicht wieder aufzunehmen. Doch stelle ich fest, dass andernorts diese Fragen keineswegs ad acta gelegt sind. Erst neulich las ich bei THEOOZE eine Ausführung zu der Frage, ob der Klerus in die Kneipe gehöre (Brian Hoyer: WHY PASTORS AND PUBS DO MIX). Es spricht für sich, dass die Begründung nicht endete, bevor ich mein Display dreimal gescrollt hatte. (Ich gebe zu, dass es mir eine gewisse Freude bereitet, bei einem amerikanischen Kollegen eine Weinflasche zu entdecken. Southern Baptist und Southern Comfort wohnen selten einträchtig beeinander.)

Mit einem anderen Subjekt ist die genannte Frage ein Dauerbrenner (“Ist vorehelicher Sex Sünde?”). Mit einem weiteren Subjekt ist sie hochaktuell (“Ist Homosexualität Sünde?”). Im Spannungsfeld zwischen der Furcht, nicht bibeltreu zu sein, und der Furcht, Menschen zu verletzen, wird diese Frage diskutiert. (Ich verweise auf die inzwischen klassische McLaren-Debatte mit dem Aufschlag von Brian, dem Volley von Jeff, dem Netzball von Mark und dem Return von Brian.)

Ich bin inzwischen zögerlich geworden, auf solche Varianten dieser Frage zu antworten. Das liegt nicht daran, dass ich keine Antwort hätte. Es liegt auch nicht daran, dass ich mich nicht traue, meine Antwort zu vertreten. Es liegt vielmehr daran, dass unterschiedliche Leute mit dem Wort “Sünde” höchst unterschiedliche Assoziationen verbinden. Es “macht wenig Sinn” – um mich wieder eines Anglizismus schuldig zu machen -, darüber zu reden, ob etwas Sünde ist, solange wir nicht dasselbe meinen, wenn wir von Sünde reden.

Fortsetzung folgt.

3 Kommentare

  1. Kerstin:

    Sehr geiles Thema und cool, dass du drüber schreibst… ich bin auf die Fortsetzung gespannt :)

  2. Verlinkte Links…#1 | Schrotty - think about:

    [...] 4. Was meinen wir, wenn wir sagen, etwas sei Sünde Dieser Reihe von Hasos Tafel ist schon etwas länger her aber sehr zu empfehlen. Teil 1 Teil 2 Teil 3 Teil 4 Teil 5 – How (Not) to Speak of Sin [...]

  3. bekotainment - das große babbeln » Blog Archiv » Gegenteil von Gott:

    [...] tafel.4haso.de Gedanken über die Sünde gelesen: Was meinen wir, wenn wir sagen, etwas sei SündeTeil 1 und Teil 2 Nicht allen Gedanken kann ich so zustimmen aber die Aussagen über Sünde und den Teufel [...]

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