November
2006
Was meinen wir, wenn wir sagen, etwas sei Sünde (2)
Fortsetzung von Teil 1
In den Augen der meisten Menschen bedeutet Sünde etwas “moralisch Verwerfliches”. Dabei ist die Moral selbst etwas Fragwürdiges.
“Der Unterschied zwischen Moral und Ethik besteht darin, dass die Moral eine Ansammlung von formellen oder informellen Regeln des menschlichen Verhaltens darstellt … und daß die Ethik ein Ableitungssystem ist, das es gestattet, aus wenigen Grundsätzen menschliche Verhaltenregeln abzuleiten.” (Nach Wolfgang Deppert)
Moral sieht auf das Verhalten, nicht auf das Herz. “Das tut man nicht!”, sagt sie. Früher sagte sie noch: “Was sollen die Nachbarn denken?”, aber seit die Nachbarn sich nichts mehr denken, ist ihr dieser Einwand abhanden gekommen. Manchmal sagt sie: “Wenn das jeder täte?!”, und bringt damit Kants Kategorischen Imperativ in eine populäre Form. Es wird wohl so sein, dass Moral für die Gesellschaft nützlich oder nötig ist. Für das Verständnis von “Sünde” ist sie mehr als hinderlich.
Wenn ich also bei dem Begriff “Sünde” nicht an “moralische Verwerflichkeit” denke, woran dann? Zunächst einmal hat Sünde eine positive Seite: In jeder Sünde steckt eine Chance oder ein Potential. Mache ich mit dieser Aussage meine Leser stutzig und mich selbst verdächtig? Ich erkläre.
Viele alte Philosophen und Theologen hielten das Böse für etwas Substanzloses, ohne eigene Existenz. So wie Dunkelheit nur die Abwesenheit von Licht ist, so ist das Böse nur die Abwesenheit des Guten – ein Privativum. Damit wollte man den Dualismus vermeiden, jene Weltanschauung, bei der das Gute und das Böse wie ebenbürtige Gegner aufeinandertreffen.
Wie berechtigt diese Abwehr des Dualismus ist, erkennen wir, wenn wir den offenen oder verborgenen Dualismus in der Gemeinde aufspüren. Man lasse nur einmal die Leute den jeweiligen Gegensatz zu vorgegebenen Begriffen nennen: “Licht” – “Finsternis”. “Himmel” – “Hölle”. “Weiß – Schwarz”. “Leben” – “Tod”. “Gott” – …? In der Regel lautet die spontane Antwort: “Teufel”. Aber es gibt keine negative Entsprechung zu Gott. Der, zu dem der Teufel im Gegensatz steht, heißt “Michael” oder “Gabriel”. Ein “gefallener Engel” ist das Gegenteil zu einem “heiligen Engel”, nicht zu Gott. Man steigt durch Rebellion nicht in Gottes Liga auf.
Solcher Dualismus ist in der Tat zu überwinden. Aber das taugliche Mittel hierzu ist nicht die Reduzierung des Bösen auf ein Privativum. Zu real sind die Werke des Bösen im Leben von Menschen, die seine Opfer werden, zu hart ist bisweilen der Kampf gegen die zerstörerische Kräfte des Bösen, um in ihm nur ein Nichtvorhandensein des Guten zu sehen. Solch eine Sicht des Bösen fiele mir genauso schwer, wie in einer Atombombenexplosion lediglich die Abwesenheit einer atomwaffenfreien Zone zu erkennen.
Hilfreicher ist eine andere Erklärung des Bösen, der Martin Luther die griffige Form gab: “Der Teufel ist der Affe Gottes.” Das Böse ist eine verfälschte Nachäffung des Guten. Weil der Böse nämlich nur eine gefallener Engel ist, kann er nichts erschaffen. Er kann nur etwas Geschaffenes nehmen und verkehren, in eine falsche Richtung lenken. Zu Recht erklären wir deshalb “Sünde” als “Zielverfehlung”. Sünde ist etwas ursprünglich Gutes, das vom eigentlichen Ziel abgelenkt wurde und sich jetzt auf einer Bahn befindet, die zu Leid und Zerstörung führt.
Das gilt beispielsweise für den Zorn. “Des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist”, lesen wir in der Bibel. Wer sieht, wieviel Leid durch Zorn verursacht wird, wieviel unheilbarer Schaden durch eine kurze Aufwallung angerichtet wird, kann nur zustimmen. Aber Zorn ist eigentlich etwas Gutes. Bei Gott bedeutet er, dass Gott nicht indifferent gegenüber Ungerechtigkeit ist. Wenn der Starke den Schwachen bedrängt, ist das für Gott nicht belanglos – kein Offizialdelikt, dass er von Amts wegen halbherzig verfolgt, wenn überhaupt. In ihm regt sich leidenschaftliche Solidarität mit dem, der sonst keinen Helfer hat. Gottes Zorn ist die Garantie dafür, dass dieses Universum am Ende in einem Zustand der Gerechtigkeit enden wird – ein mir sehr sympathischer Zug Gottes. Und dass Gott “langsam zum Zorn” ist, ändert nichts daran, dass er fest entschlossen ist, “einen neuen Himmel und eine neue Erde” zu schaffen, “in denen Gerechtigkeit wohnt”.
“Heiliger Zorn” ist etwas Gutes. Das Böse am menschlichen Zorn ist nicht, dass der Zorn noch vorhanden ist, sondern dass er die Heiligkeit verloren hat. Auch wenn Jähzorn und Rachsucht es kaum noch erkennen lassen, die Quelle solcher Ausbrüche ist eine gute Regung, deren Strom das falsche Bett gewählt hat. Aus einer Regung, mit der wir die Interessen des Schwachen vertreten sollten, ist eine geworden, mit der wir unseren Egoismus aufrüsten.
Wenn es stimmt, dass das Böse die Verkehrung des Guten ist, dann ist die Sünde letztlich die gute Tat – die nur noch nicht erlöst ist. Mir ist bewusst, dass angesichts der Ungeheuerlichkeit mancher Verbrechen diese Aussage bedenklich klingt. Dennoch mache ich sie. Und mehr noch – oft weist die Sünde eines Menschen bereits auf seine Bestimmung hin. Der Bereich, in dem ein Mensch am meisten oder stärksten sündigt (wenn man überhaupt vergleichend von Sünden sprechen kann), ist oft der Bereich, in dem seine wahre Berufung liegt – die nur noch nicht erlöst ist.
Der Paulus, der rasend und mordend die Gemeinde zerstörte, war ein noch unerlöster Missionar. An seinen Taten war bereits die göttliche Bestimmung erkennbar. Später schrieb er, dass Gott ihn schon “von Mutterleib an” berufen hatte, das Evangelium mit Hingabe und Leidenschaft gegen allen Widerstand auszubreiten. Dieses göttliche Potential in seinem Leben machte ihn zunächst – unerlöst – zum Verfolger. Wozu es ihn später – erlöst – machte, ist bekannt.
Dieser Zusammenhang lässt in jeder “Sünde” eine Chance oder ein Potential erkennen. So wie Gott in all den Jahren, in denen Paulus gegen die Gemeinde wütete, sagte: “Da geht mein auserwähltes Werkzeug”, so will ich bei jedem Menschen, der sündigt, sagen: “Da geht ein Berufener Gottes.” Denn hinter seinen “bösen Werken” liegen schon die “guten Werke” bereit, die Gott “zuvor bereitet” und zu denen er ihn “geschaffen” hat (Epheser 2,10).
Fortsetzung folgt.
Haso
Geglaubtes
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Sehr gute Gedanken! Das Sündethema ist ja wirklich eins der heißesten wenn man mit Leuten über Christsein redet. So schnell kommt man dann als intolerant, überheblich, selbstgerecht, weltfremd daher – wie es auf der amerikanischen Seite leider zu oft präsentiert wird. Aber dann halt nicht mehr über Sünde zu reden ist halt auch nur für extreme liberale Christen eine Lösung. Deswegen finde ich deinen Ansatz sehr gut, erst einmal über die Natur von Sünde zu reden, bevor du dann die heißen Fragen beantwortest (Homosexualität,…..)
zu Moral …hier ein Lied von Georg Kreisler, “Wenn alle das täten” … darin wird dieses “wenn jeder das täte?!” schön auf die Schippe genommen…
WowWowWow! Was für´n Text! Das ist ja Wenn ich könnte würde ich dir fünf Sterne geben (fünf von fünf natürlich).
Dieser Gedanke ist eine wahre Offenbarung für mich:
Mensch, Haso, das ist ja genial! Mir gehen einige Lichter auf. Auch ich habe immer den Begriff “Sünde” vermieden und stattdessen viel lieber von “Zielverfehlung” gesprochen (wenn es schon sein mußte). Da mir bei dem Begriff “Sünde” viel zu viele üble Gefühle und verdammende Assoziationen mitschwingen ganz zu schweigen von den 2000 Jahren Kirchendesaster, die mit diesem Wort verknüpft sind.
Aber das war ja nur der erste Schritt. Du hast den Gedanken noch ein paar Ecken weitergedacht. Und was rauskommt ist ein ganz neues Verständnis. Und jetzt ergibt das auch langsam alles Sinn für mich. Da löst sich ein theologisch-emotionaler Knoten in mir. Danke!
Warum eigentlich hat mir das in 13 Jahren Gottesdienste+Konferenzen+Predigten noch keiner gesagt? Gelesen hab ich es auch nirgendwo…
Hast du da inspirierende oder gar weiterführende Literatur zu diesem Thema oder bist du da selber der Vordenker?
[...] Haso hat die Tage vom heiligen Zorn geschrieben, und Storch hat die Tage geschrieben, dass er gern vor nem Haufen Politiker predigen würde. Ich hab grad sowas wie heiligen Zorn (glaub ich) in mir, und ich würde darüber zu gerne vor nem Haufen Christen predigen. Immerhin kann ich das schriftlich… [...]
@ micha: thx
@ vater-sucher: natürlich habe ich die eine oder andere anregung irgendwo “aufgeschnappt”, ohne dass ich in jedem fall noch genau angeben könnte, wann, wo und bei wem. ich kann dir da leider keine literaturangaben machen. kennt ein anderer leser bücher, die in diese richtung gehen?
Ich lese gern Deine Gedanken über Sünde. Das Thema ist heute leider tabu, entweder weil es in der Vergangenheit immer wieder mal “gesetzlich” und hartherzig angegangen wurde oder weil wir heute sooo “tolerant” sind. Besonders bezeichnend finde ich Deine Gedanken über Sünde als “die unerlöste Gute Tat”. Ich sehe z. B. auch einen engen Zusammenhang zwischen “tiefstem Versagen” und “höchster Berufung”: http://context21.wordpress.com/2006/11/30/in-a-pit-with-a-lion/
[...] längerer Pause folgt die Fortsetzung von Teil 2 , in dem ich darüber geschrieben habe, dass Sünde die Umkehrung oder die Richtungsänderung von [...]