Dezember
2006
Was meinen wir, wenn wir sagen, etwas sei Sünde 3
Nach längerer Pause folgt die Fortsetzung von Teil 2 , in dem ich darüber geschrieben habe, dass Sünde die Umkehrung oder die Richtungsänderung von etwas ursprünglich Gutem ist. Heute geht es darum, was eigentlich das Schlimme an Sünde ist.
Alles ist erlaubt, aber nicht alles ist nützlich; alles ist erlaubt, aber nicht alles erbaut. (1.Korinther 10,23)
Das Schlimme an Sünde ist nicht, dass man etwas tut, was verboten ist. Das Schlimme an Sünde ist, dass sie zerstörerisch ist. Sie lässt das Gute, das Gott uns und anderen zugedacht hat, nicht zustande kommen. Sie ist nicht nützlich, baut nicht auf. Stattdessen reißt sie nieder, schadet und verletzt.
In diesen Tagen wird viel darüber geredet, ob etwas “biblisch” ist oder ob Christen “bibeltreu” sind. Mein Ziel ist nicht, “bibeltreu” zu sein. Ich liebe Gott, und ich liebe Menschen. Ich möchte Gott nicht verletzen, sondern ihm Freude machen und bei der Verwirklichung der Ziele helfen, die ihm am Herzen liegen. Ich möchte anderen Menschen nicht schaden, sondern einen “nützlichen” und “aufbauenden” Einfluss ausüben.
Wenn ich also von Sünde rede, meine ich Verhaltensweisen, die von Verletzungen begleitet sind – und zwar in der Regel sowohl von erlittenen als auch von begangenen Verletzungen. Meist fügen die Menschen anderen das meiste Leid zu, denen früher viel Leid zugefügt wurde.
Als vor einigen Jahren die sexuellen Verfehlungen von Bill Clinton publik wurden, gab es in der frommen Öffentlichkeit einen Aufschrei der Empörung. Auch ich würde Sünde nennen, was Bill Clinton tat. Er hat seine Frau, seine Familie und viele andere verletzt. Er hat auch Monica Lewinsky und sich selbst verletzt – und sogar Gott. Aber ich konnte und kann mich dem frommen Aufschrei der Empörung nicht anschließen.
Hier sind einige Details aus Clintons Biographie: Sein Vater – ein Vertreter mit zahlreichen Affären, der einige Frauen zuerst geschwängert und dann verlassen hatte – starb drei Monate vor Bills Geburt bei einem Autounfall. Als Bill ein Jahr alt war, ließ seine Mutter ihn wegen ihrer Ausbildung bei den Großeltern zurück. Spiel- und trunksüchtig nahm sie ihn einige Zeit später wieder zu sich, und er wurde Zeuge ihrer Männergeschichten (insgesamt fünf Ehen). Als er vier Jahre alt war, kam ein Stiefvater ins Haus, der ebenfalls Spieler und Trinker war und ihm gegenüber gewalttätig wurde. In dem Ort, in dem die Familie lebte, waren Bordelle, Spielcasinos und Kirchen gut besucht, zum Teil von denselben Leuten.
Zu Hause wurde getrunken und gestritten, aber dabei nach außen der Anschein einer intakten gutbürgerlichen Familie aufrecht erhalten. Der kleine Bill begann, zu schweigen, zu beschönigen, zu lügen. Unehrlichkeit sollte den Mythos der heilen Familie bewahren. Später schloss er sich einer Gemeinde an und kam zum Glauben, aber er schlug immer wieder über die Stränge und versuchte, sich herauszumogeln.
Sünde ist schlimm, weil sie der Weg ist, auf dem wir erlittene Verletzungen an andere weitergeben. (Man könnte einwenden, bei den ersten Menschen sei es anders gewesen. Aber war nicht die Lüge und Verführung durch die Schlange eine extreme Verletzung?)
Mit diesen Ausführungen ist Sünde nicht ent-schuldigt. Sie enthält immer auch einen Anteil schuld-hafter Verantwortlichkeit. Aber der beschriebene Zusammenhang zwischen erlittener und ausgeübter Schuld hat zur Folge, dass Gottes stärkste Reaktion auf Sünde nicht Zorn, sondern Barmherzigkeit ist. Jetzt ist er erst recht für uns, denn jetzt brauchen wir ihn mehr als je.
Jesus kam nicht nur auf die Erde, um zu sterben. Er kam auch auf die Erde, um hier zu leben und uns in menschlicher Gestalt zu zeigen, wer und wie Gott ist. “Wer mich sieht, sieht den Vater”, sagte er (Johannes 14,9). Wir sehen also den Vater, wenn wir sehen, wie Jesus einen Betrüger in seinen engsten Kreis berief und anschließend ein Fest mit “Sündern” feierte. Wir sehen den Vater, wenn wir sehen, wie diese Menschen gern seine Nähe aufsuchten (Markus 2,14-17).
Wenn wir an diesen Gott glauben, wenn wir diesem Jesus nachfolgen, kann es für uns nur einen einzigen legitimen Grund geben, gegen Sünde das Wort zu erheben – der Wunsch, dass andere Gutes erleben und ihnen Leid erspart bleibt. Wir sind nicht gegen etwas, sondern für jemand.
Dem würden die meisten Christen zustimmen. “Gott hasst die Sünde, aber er liebt die Sünder”, ist ein vertrauter Slogan. Dieser Slogan stimmt. Aber wer ihn im Munde führt, sollte nicht zu schnell sicher sein, dass das auch auf ihn zutrifft. Hufi hat kürzlich auf einen Beitrag “Warum der_mob uns Fromme nicht mag ” hingewiesen. Zitat:
Fromm: Ja weißt du, ich mache das wie Gott: Ich liebe den Sünder, aber hasse die Sünde!
der_mob: Ach so, verstehe. Und du bist dir sicher, dass du die scharfe Trennlinie zwischen meinem Verhalten und meinem Wesen hinbekommst, und nicht vielleicht durcheinander kommst und plötzich den Sünder hasst, statt die Sünde?
Hier ist der Sicherheitstest: Wenn man Menschen ein Freund ist, ist man gern mit ihnen zusammen. Und sie kommen ihrerseits gern zu einem. Bei Jesus war – wie wir gesehen haben – beides der Fall. Wenn also ein Christ “den Sünder liebt, aber die Sünde hasst”, dann wird er gern mit “Sündern” zusammen sein und ihre Gemeinschaft suchen, und zumindest einige von ihnen werden sich in seiner Gegenwart wohl fühlen und gern bei ihm sein. Alles klar?
Man hat Brian McLaren heftige Vorwürfe gemacht, als er vorschlug, die Gemeinde solle ein fünfjähriges Moratorium (eine Zeit des Schweigens) zum Thema Homosexualität einlegen. Ich teile seinen Vorschlag nicht. Aber ich verstehe sein pastorales Anliegen. Und ich würde stattdessen ein anderes Moratorium vorschlagen.
Gemeinden und Christen, die nach den eben beschriebenen Kriterien nicht nachweislich “Freunde von Sündern” sind, sollten solange den Mund über Sünde halten, bis sie selbst verändert und solche Freunde geworden sind.
Wer indessen sich die eigene Rechtgläubigkeit bescheinigt, weil er “die Dinge noch beim Namen nennt”; wer immer nur in Sorge ist, dass wir nicht “entschieden genug bibeltreue Positionen beziehen” – bei dem habe ich große Zweifel, ob er und ich dasselbe meinen, wenn wir sagen, etwas sei Sünde.
P.S.: Auch wenn mein Motiv die Liebe ist und nicht die Bibeltreue, vermute ich, dass ich ein “bibeltreuer” Mensch bin. An manchen Stellen weiß ich selbst, was verletzend ist und was nicht. Aber nicht immer kann ich mich darauf verlassen. Mein Herz ist ebenso trügerisch wie das anderer Menschen. Der einzige, der wirklich genau weiß, was auf Dauer schadet und was nützt, was verletzt und was heilsam ist, ist Gott. Weil ich ihm mehr vertraue als mir selbst, halte ich mich an sein Wort, so gut ich´s verstehe. Als die ersten Menschen in einer Situation waren, in der alles dafür sprach, von einem gewissen Baum zu essen (die Worte der klugen Schlange, der eigene Augenschein, ein sich gut anfühlendes Verlangen, positive Erwartungen; siehe Genesis 3,4-6), hätte ein einziger Gedanke die Menschheit vor unzähligen Verletzungen bewahren können: “Gott weiß es besser!”
Fortsetzung folgt.
Haso
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Halleluja. Auf dieses Posting hab ich seit Tagen gewartet.
sorry haso, aber deine differenzierung zwischen liebe und bibeltreue kann ich nicht so ganz nachvollziehen. also, wenn jemand “bibeltreu” ist in dem sinn, dass er sich an dem was gott in seinem wort sagt ausrichten möchte, dann ist es doch eine zwangsläufige folge, dass die liebe zu gott und zu den mitmenschen zu einem hauptmotiv wird. wenn das nicht der fall ist, kann man meiner ansicht nach auch nicht von sich behaupten, “bibeltreu” zu sein.
andrerseits, wie will man verstehen was “liebe” in gottes augen bedeutet, wenn man sich dabei nicht “treu” and die bibel hält, wo doch gerade die bibel sein liebesbrief an die menschen ist?
eigentlich dürfte es keinen unterschied zwischen liebe und bibeltreue geben.
@mysam:
In der Praxis wird “bibeltreu” leider oft im Sinne von “Prinzpienreiter” benutzt (in Tateinheit mit dem erhobenen Zeigefinger). Gerade von manchen, die sich selbst für bibeltreu halten.
Wie so oft: “bibeltreu” und “bibeltreu” ist nicht das Gleiche.
Insofern habt ihr beide Recht!
@mysam: wenn meine frau mir einen liebesbrief schreibt, stärkt das meine liebe und meine treue zu meiner frau, nicht meine treue zu dem liebesbrief. ich glaube ihr jedes wort, das sie in dem liebesbrief schreibt. aber ich würde mich nicht als “brieftreu”, sondern als “meiner frau treu” bezeichnen.
ähnlich ist das mit gott. ich vermute, wenn du wüsstest, wie ich mit der bibel umgehe, würdest du mich als “bibeltreu” einschätzen. aber ich lege keinen wert auf dieses etikett. wenn einer auf meinen grabstein schriebe: “er war bibeltreu”, würde ich sagen: er hat nicht verstanden, worum es mir ging. wenn einer auf meinen grabstein schriebe: “er hat gott und menschen geliebt”, würde ich sagen: was ich wollte, ist gelungen.
hi,
du schreibst:”Auch wenn mein Motiv die Liebe ist und nicht die Bibeltreue, vermute ich, dass ich ein “bibeltreuer” Mensch bin. ”
ich glaube, dass man das gar nicht so gut trennen kann, denn Jesus sagt in Joh. 14,21:”Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; ”
Wenn man also sagt:”Ich liebe Gott”, dann liebt man doch auch automatisch sein “Wort” (ich mag den Begriff nicht wirklich, deswegen die Anführungszeichen
). Denn seine Gebote, bzw. die Sachen die er von einem will, wodurch wir ihm auch Freude bereiten können, stehen ja in der Bibel.
Wenn ich Gott also liebe, dann dürfte ich mich ziemlich gut in der Bibel auskennen und dementsprechend “bibeltreu” sein?!
der vergleich mit dem liebesbrief von deiner frau ist echt cool. stimmt, ich hab meiner frau auch noch nie gesagt, dass ich ihren briefen treu bin
hey, du hast recht. man muss die dinge nur mal aus dem frommen kaanaanitisch in das reallife übertragen um zu sehen, wie seltsam manche christlichen begriffe eigentlich sind…
Danke Haso – besonders Deinen Vorschlag zu einem Moratorium finde ich super!