19
Dezember
2006

How (Not) to Speak of Sin

Wie sprach Jesus (nicht) über Sünde? Was wir bei ihm nicht finden, ist der klassische evangelistische Ansatz: Erst muss den Leuten ihre Sünde vorgehalten werden, und dann kann ihnen Vergebung angeboten werden. Stattdessen finden wir ganz andere Wege, auf denen Sünde (nicht) zum Thema wurde.

1. In vielen Fällen sprach Jesus überhaupt nicht über Sünde

Uns wird von einigen Leuten berichtet, die in der Gegenwart Jesu von ihrer Sünde “überführt” wurden und sich radikal veränderten, ohne dass Jesus auch nur ein Wort darüber verloren hätte.

  • Lukas 5,1-11: Petrus erkannte seine Sünde, als Jesus ihm den größten Fischzug seines Lebens schenkte.
  • Lukas 22,61-62: Petrus weinte “bitterlich” über seine Verleugnung, nachdem Jesus ihn nur anschaute. Soweit wir wissen, wurde dieser Vorfall zwischen den beiden nie erörtert. Stattdessen schenkte Jesus ihm einen weiteren großen Fischfang und half ihm, die Liebe in seinem Herzen wiederzuentdecken.
  • Lukas 19,1-10: Jesus sprach zu Zachäus kein Wort über Ausbeutung und Betrug, sondern kehrte bei ihm ein und schenkte ihm Zuwendung. Als Folge davon gestand Zachäus ein, was er immer schon gewusst, aber sonst nie eingestanden hatte, nämlich die Ungerechtigkeit seines Lebens, und veränderte sich vom Ausbeuter zum Wohltäter.

Das Hauptmittel, mit dem Menschen von Sünde überführt wurden, war bedingungslose Liebe.

2. In anderen Fällen sprach Jesus Leuten einfach Vergebung zu

Auch den klassische Ansatz, erst müssten Leute ihre Sünde bekennen, bevor ihnen vergeben werden kann, finden wir bei Jesus nicht als Regel.

  • Markus 2,1-12: Der Gelähmte, der zu Jesus gebracht wurde, um geheilt zu werden, hörte ohne vorheriges Beichtgespräch von Jesus die Worte: “Dir sind deine Sünden vergeben!”
  • Lukas 7,36-50: Eine “sündige” Frau (vermutlich eine Prostituierte) spürte bei Jesus eine Liebe, die sie aus anderen als geschäftlichen Gründen zu ihm hinzog. Sie wusch ihm die Füße und erwiderte seine Liebe, ohne sich vor der versammelten Männerrunde zu schämen. Es wird nichts davon berichtet, dass Jesus mit ihr jemals über ihre Vergangenheit gesprochen hätte. Sie hörte nur: “Dir sind deine Sünden vergeben!”

Das klassische Bußverfahren finden wir eigentlich nur in Lukas 23,39-43. Der Verbrecher, der neben Jesus am Kreuz hing, bekannte sich “sündig”, bat Jesus um Hilfe und erhielt den Zuspruch der “Rettung”. Auch in diesem Fall ging keine Sündenansprache voraus. Bei Jesus “geschah” Sündenerkenntnis, sie wurde nicht produziert.

3. Jesus sprach erst über Sünde, nachdem …

Wo Jesus Leute auf Sünde ansprach, geschah das erst, nachdem er ihnen mit Liebe und Annahme begegnet war.

  • Johannes 4,5-19: Eine Frau, die in ihrer Stadt Außenseiterin war und deshalb am Mittag zum Brunnen ging, um niemandem zu begegnen, war überrascht, als Jesus sie gegen alle sozialen Vorurteile mit Respekt und Achtung behandelte. Erst nachdem er auf diese Weise ihr Vertrauen gewonnen hatte, sprach er sie auf ihre verfahrene Lebenssituation an, und zwar mit dem Ergebnis, dass sie hinterher dafür dankbar war.
  • Johannes 5,1-14: Ein Mann hörte von Jesus die Worte: “Sündige hinfort nicht mehr.” Aber er hörte sie erst, nachdem Jesus ihn von einer 38jährigen Krankheit geheilt hatte. (Offensichtlich wusste dieser Mann von seiner neuen Lebenssituation nur einen ruinösen Gebrauch zu machen. Deshalb die Warnung.)
  • Johannes 8,1-11: Eine Frau, die im Ehebruch ergriffen worden war, hörte die Worte “Sündige hinfort nicht mehr” erst, nachdem Jesus sie vor der sicheren Verurteilung und Hinrichtung bewahrt hatte.

4. Jesus konfrontierte die, die sich für besser hielten als andere

Selbst im Umgang mit religiösen Leuten “übersah” Jesus oft Fehlverhalten und ließ es unkommentiert, bis diese Leute andere zu verurteilen anfingen.

  • Lukas 7,36-50: Im Hause des Simon überging Jesus die unhöfliche und respektlose Behandlung durch seinen Gastgeber solange, bis dieser sich über die Prostituierte empörte, die zu Jesus kam. Erst dann hielt ihm Jesus seine eigenen Versäumnisse vor.
  • Lukas 14,1-11: Erst nachdem die Teilnehmer eines Gastmahls in ihrer religiösen Borniertheit Sabbatheilungen verurteilten, warf Jesus ihnen ihre Prominenzgeilheit vor.
  • Lukas 18,8-14: Jesus erzählte “einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein, und die anderen verachteten” das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner und machte ihnen deutlich, dass sie ungerechtfertigte Sünder waren.
  • Johannes 8,1-11: In dieser Situation konfrontierte Jesus nicht die im Ehebruch erwischte Frau, sondern die, die sie verurteilen wollten.

Direkte Attacken auf Sünde finden wir bei Jesus nur im Umgang mit religiösen Leuten, nie im Umgang mit “Leuten von draußen”.

Wer Ohren hat zu hören, der höre.

6 Kommentare

  1. riverofgod » Blog Archive » HaSo und die Sünde:

    [...] HaSo hat auf seiner Tafel in letzter Zeit viel zum Thema Sünde geschrieben. Doch nun steht ein besonders interessanter Artikel dort. Hiermit verlinke ich ihn. Klick einfach auf diesen Text und Du gelangst direkt dort hin. Ach Du willst das genaue Thema vorher wissen? : “Wie man Sünde (nicht) anspricht.” [...]

  2. Giuliano:

    Wir sollten nur auch bedenken, dass die Leute mit denen Jesus meistens sprach und zu denen er Predigte, ja Juden waren. Sie hatten die Zehn Gebote, kannten das Gesetz, und wenn sie wie Petrus demütig im Herzen waren und nicht stolz wie die Pharisäer, dann wussten sie auch das sie Sünder waren.

  3. einwort:

    JA!

  4. Hufi:

    Ja.
    Danke.
    Sehr, sehr gute Beobachtungen.
    Gefällt mir.

  5. Vatersucher:

    Lieber Haso,
    “Dein Jesus” ist ja viel entspannter als meiner ;-)
    Geniale Erkenntnisse. Wie du da immer nur drauf kommst *staun*
    deine virtuelle Bibelschule bringt mir grad mehr als die, welche ich seit einigen Wochen besuche.

    Ich finde, du solltest Theologen, Bibelschullehrer, Prediger usw ausbilden. Wir brauchen mehr Leute, die so eine Sichtweise auf die Bibel haben wie du.
    Oder anders gesagt: Ich finde, es gibt zuviele, die sich mit knallharten aber althergebrachten Glaubenssätze arrangiert haben. Sie glauben und predigen tapfer ihr Streß-Buß-Höllenfeuer-Evangelium ohne zu merken, dass da seit 2000 Jahren Kirchengeschichte nicht viel Lebensfördendes bei rauskommt.

    Allerdings ist das Gute an der guten Botschaft auch oft so versteckt bzw. schwer zu erkennen.
    Manchmal kommt mir die Kirchengeschichte und auch die aktuelle (Erkenntnis-)Lage vor wie ein großes Mißverständnis zwischen Gott und uns. Was Jesus meinte und sagen will, ist das eine. Was in der deutschen Bibelübersetzung steht, ist das andere. Und was bei uns ankommt, was wir glauben und lehren, das ist das dritte.

    Eigentlich ist die aktuelle Theologie wie ein mittelmäßiges Betriebsystem: Es stürzt ab, man findet ständig einen neuen Fehler und wer jahrelang kein Upgrade macht, der ist irgendwann nicht mehr kompatibel.

    Aber zum Glück gibt es Haso, den “Linux-Theologen” ;-)

  6. riverofgod » Blog Archive » HaSo und die Sünde:

    [...] HaSo hat auf seiner Tafel in letzter Zeit viel zum Thema Sünde geschrieben. Doch nun steht ein besonders interessanter Artikel dort. Hiermit verlinke ich ihn. Klick einfach auf diesen Text und Du gelangst direkt dort hin. Ach Du willst das genaue Thema vorher wissen? : “Wie man Sünde (nicht) anspricht.” [...]

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