26
April
2007

So geht es nicht, Jesus!

Ich höre gerade eine Predigt von Storch. Er kommt darin auf eine Begebenheit zu sprechen, bei der mir etwas auffiel, als ich sie nachlas:

  1. Und es begab sich, dass er an einem Sabbat in das Haus eines Oberen der Pharisäer kam, das Brot zu essen, und sie belauerten ihn.
  2. Und siehe, da war ein Mensch vor ihm, der war wassersüchtig.
  3. Und Jesus fing an und sagte zu den Schriftgelehrten und Pharisäern: Ist’s erlaubt, am Sabbat zu heilen oder nicht?
  4. Sie aber schwiegen still. Und er fasste ihn an und heilte ihn und ließ ihn gehen.
  5. Und er sprach zu ihnen: Wer ist unter euch, dem sein Sohn oder sein Ochse in den Brunnen fällt und der ihn nicht alsbald herauszieht, auch am Sabbat?
  6. Und sie konnten ihm darauf keine Antwort geben.

(Lukas 14,1-6)

Kann man so mit der Schrift umgehen, wie Jesus es hier tut? Da gibt es einen eindeutigen Bibeltext (“Denke an den Sabbattag, dass du ihn heiligst”; Exodus 20,8). Weitere Ausführungsbestimmungen der Torah ergeben, dass zur Heiligung des Sabbats der Verzicht auf Arbeit gehört. Die zur Zeit Jesu gängige konfessionelle (pharisäische) und wissenschaftliche (rabbinische) Auslegung besagt, dass damit die Ausübung jeder Berufstätigkeit untersagt war – also auch die Ausübung von Heilberufen (die neuzeitliche Trennung von natürlicher Medizin und übernatürlicher Heilung darf für diese Epoche nicht vorausgesetzt werden).

Und nun kommt Jesus und kippt diese Exegese, weil sie ihm unmenschlich erscheint. Wie begründet er seine abweichende Erklärung? Weder mit einer genaueren Auslegung des mosaischen Textes noch mit biblischen Parallelstellen noch mit schriftbezogenen Argumenten, und nicht einmal mit Hinweis auf seine eigene Autorität als Gesandter des Vaters. Stattdessen verwendet Jesus ein sehr verdächtiges und höchst subjektives hermeneutisches Verfahren:

Der allgemein anerkannte Sinn dieser Bibelstelle macht Mühe. Also höre auf dein eigenes Herz. Wie würdest du in einem Bereich deines Lebens, in dem deine Empfindungen einigermaßen intakt und gesund sind (z.B. als Vater oder Tierhalter) am Sabbat handeln? So wie du in diesem Bereich spontan handeln würdest, so ist es im Sinne Gottes, und du darfst die betreffende Bibelstelle in Übereinstimmung damit verstehen und anwenden.

In welcher bibeltreuen Gemeinde oder an welcher theologischen Ausbildungsstätte käme Jesus mit dieser Hermeneutik durch?

15 Kommentare

  1. Simon:

    Paulus’ Hermeneutik ist ja auch nicht viel “besser”.

    Allerdings – “auf mein eigenes Herz zu hören” – das geht auch nur an guten Tagen, denn meine Empfindungen sind meist nicht besonders intakt. Weiß noch nicht, ob der “gesunde Menschenverstand” vielleicht manchmal eine Alternative wäre. Wenn der denn gesund wäre …

  2. Ralf:

    …vermutlich an keiner?!?

  3. riverofgod - feurig im strom gottes » Blog Archive » Also Jesus! Wie kannst du nur…:

    [...] In welcher bibeltreuen Gemeinde oder an welcher theologischen Ausbildungsstätte käme Jesus mit dieser Hermeneutik durch? [...]

  4. ordi:

    ääääähmmmm.. einspruch! in diesem Bibeltext sagt Jesus nicht wirklich, dass wir auf unser herz hören sollen, sondern folgt dem roten Faden, der sich durch die gesamte Bibel und eigentlich durch die gesamte geschichte der welt zieht: ALLES was geschieht und ALLES was wir tun sollte GOTT die Ehre geben. in diesem beispiel geht es Jesus nicht darum, dass der Sabbat gebrochen werden darf, wenn das eigene Herz etwas tun will, sondern darum Gott zu verherrlichen, indem man “das moralisch richtige” dem “moralisch falschen” vorzieht – leben retten statt leben (das von Gott geschenkt wurde) untätig enden zu lassen.

    Jesus machte klar, dass die geistliche Oberschicht den Sabbat verdreht hatte: Der Sabbat war für den Menschen, nicht der Mensch für den Sabbat. Er sollte ihm dienen, damit der Mensch ausruhen kann und sich (Gottes Schöpfung) nicht kaputt arbeitet. Über die Jahre vor Christus hat es sich aber immer mehr zu einer grotesken, menschenfeindlichen Gesetzlichkeit entwickelt. Im Alten Testament findet man fast keine Spuren davon, dass Menschen wirklich grosse Probleme mit dem Sabbat hatten!

    Jesus sagt also nicht “mach was dein Herz sagt” sondern “ehre Gott, indem du IHM gehorchst” – und wenn man Leben retten kann anstelle es verkommen zu lassen, dann würde ich hier sogar 10 Gebote ins Spiel bringen: Du sollst nicht töten (6. Gebot) ist in diesem Fall mit “Du sollst nicht sterben lassen, wenn es in deiner Hand liegt zu retten” gleichsetzen. Eins der beiden Gebote (5. oder 6.) muss man brechen – die Motivation sollte jedoch sein, Gottes Schöpfung zu bewahren und zu ehren (und damit Gott zu ehren).

    Die Hermeneutik von Jesus ist gar nicht falsch – sie ist nur nicht der Zeit, in der er lebte, angemessen. Er dachte, wie Gott denkt (weil er ja Gott ist), und somit besser wusste, was der mosaische Text meinte. Etwas, was die meisten Menschen nach Mose wussten, die Pharisäer jedoch verdreht und verunstaltet hatten. ;)

  5. DoSi:

    Äh, Haso, das ist schön provokativ geschrieben, aber denkst Du nicht, dass jeder AT-Prophet dieselbe Hermeneutik hatte? Und hast Du die Frage am Ende rhetorisch gemeint oder ernsthaft? Und falls Du sie ernsthaft gemeint hast, soll sie als Antwort ein “Das würde nirgendwo funktionieren” suggerieren, denke ich. Aber glaubst Du das wirklich? Sooo bitter sieht es doch auch nicht aus, oder? ;-)

  6. Haso:

    @ordi: steht das da? man kommt zu all deinen aussagen, wenn man das betreibt, was joseph ratzinger aka benedikt xvi “kanonische exegese” nennt (“lesen der einzelnen texte im ganzen der einen schrift”; jesus von nazareth s. 17). aber in der lukanischen erzählung ist nicht davon die rede, dass jesus zu gottes ehre, sondern dass er zum nutzen eines menschen handelt. und seine damaligen zuhörer hatte keine möglichkeit, mit den worten jesu kanonische exegese zu treiben, sondern sie mussten sich von ihm sagen lassen, dass sie dem willen gottes über den sabbat näherkommen, wenn sie sich bewusst machen, wie sie in bestimmten situationen handeln würden (was ich “auf das eigene herz hören” genannt habe).

    @simon: ich will ja auch keine neue hermeneutik begründen, bei der nun “das eigene herz” der schlüssel für jedwede exegese wird.

    @dosi: ich wollte nur – frei nach hamlet – feststellen: “there are more things in heaven and earth and in the book than are dreamt of in your hermeneutics.”

  7. Tiefebene:

    Jesus erklärt die Bibel…

  8. ordi:

    “Tiefebene” hat es auf den Punkt gebracht: Auch wenn natürlich zu Jesu Zeiten der Kanon, wie wir ihn heute haben, nicht existierte, so ist Jesus dennoch ganzer Gott, auch wenn ganzer Mensch. Er kannte den Plan des Vaters und somit auch den Plan für den Sabbat und dessen Einhaltung! ;)

    Ich schließe mich daher meinem Vorredner, Tiefebene, an! :)

  9. DoSi:

    @haso: Ich meinte ja nur: Vom Gesamtverständnis des AT her gesehen war die Lehre Jesu in diesem Punkt ja eigentlich nix Neues, sie war nur verschütt gegangen. Und allein die Tatsache, dass Du dieses in Deinem Beitrag betonst, legt ja Zeugnis davon ab, dass eine solche Hermeneutik heute wieder Raum bekommt. Daher denke ich, dass es sehr wohl “bibeltreue Gemeinden und theologische Ausbildungsstätten” gibt, in welchen diese Stimme gehört würde. Und das ist gut so…

  10. helgra:

    Ich sehe ein Proplem darin wenn wir denken Auslegungstechnisch alles (oder doch zumindest das meiste) in den Griff zu bekommen.
    Es ist gut, die Schrift zu kennen, sie zu lieben, das Herz mit Ihr zu füllen. Aber wenn man versucht sie Theologisch zu zerlegen, kann sie schnell das Leben verlieren.
    Die Unterrichtsstunden die Jesus seinen jüngern gab, sind schon etwas anders als unsere Ausbildungsstätten.
    Das soll keine Rede gegen Theologie sein.
    Es ist wichtig ein Theologisches Knochengerüst zu haben.
    Manchmal ist mein Herz (mein Innerer Mensch der mit Jesus verbunden ist) schneller als meine Theologie Wahrheiten zu erkennen.
    Die Bibel theologisch zu kennen und auf seinen inneren Menschen zu hören sollte ausgeglichen sein.
    In unseren Breitengraden sind wir meiner Meinung nach aus dem Gleichgewicht geraten.

    Lieber Gruß

    Helmut

  11. kapeka:

    Die Beobachtung des Phänomens ist korrekt: Jesus ersetzt die gängige rabbinische Auslegung seiner Zeit mit einer eigenen Deutung.
    Aber wo er seine Deutung her hat, welche Hermeneutik er verwendet, also dein eingerückter Text oben, da frage ich mich, wo du das her hast. Gibt es wirklich konkrete Anhaltspunkte für deine Deutung? Worauf baust du deine Deutung auf? Und ist das wirklich eine zwingende Deutung dieser Stelle?

    Vielen erscheint die Hermeneutik von Jesus und Paulus sehr willkürlich. Betrachtet man die beiden aber im Kontext ihrer Zeit, im Licht jüdischer Theologie, dann erkennt man, wie verwurzelt die beiden im Denkraum ihrer Zeit sind. Man müsste also ersteinmal schauen, ob die Deutung von Jesus wirklich so aussergewöhnlich ist, wie es uns heute erscheint, weil wir nur einen kleinen Einblick in die Denke zur Zeit Jesu haben.
    Die Einsichten in das Judentum der damaligen Zeit in den letzten Jahren sollten uns dazu bringen, etwas vorsichtiger zu sein, weil wir sonst die Bibel anachronistisch lesen und das Denken unserer Zeit in das Denken der Zeit Jesu hineintragen.

  12. Mystery man:

    @kapeka
    Gelebter Glaube im Hören auf den Heiligen Geist ist Hermeneutik. Vielleicht anders, als es manche Theologen gewohnt sind. Aber dafür mit den besten Referenzen:
    “Der Heilige Geist, den der Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.”
    (Bei haso genieße ich beiderlei Hermeneutik – auch aus der Nähe).

  13. kapeka:

    @myster man: 1. Frage: Inwiefern ist dein einwand an mich gerichtet? was konkret willst du mir damit sagen? Ich mein das nicht sarkastisch oder so. Ich verstehe deine Antwort auf meinen Kommentar in diesem Kontext nicht so ganz

    2. Frage (falls ich es doch richtig auffasse): Ich würde es formulieren: Gelebter Glaube im Hören auf den Heiligen Geist ist ein wichtiger Bestandteil der Hermeneutik, sicherlich, aber das ist nicht Hermeneutik. Das hört sich für mich zu stark nach dem starken Dualismus “Geist” gegen “Verstand” an.
    Geistgeleitete Hermeneutik darf nicht dazu führen, dass das, was ich im Text lese, nicht fest in dem Verankert ist, was der Autor ursprünglich intendiert hat, was jetzt ein allgemeiner Einwand ist und nicht direkt gegen haso gerichtet. Aber konkret auf diesen Post bezogen würde ich schon stark daran zweifeln, dass das, was Haso als hermeneutisches Prinzip aufgestellt hat, wirklich aus diesem Text herauszuarbeiten ist.

  14. Mystery man:

    1. Vielleicht habe ich deine Intention falsch gedeutet. Mein Gedankengang war etwa so:
    Das Jesus-Zitat aus Hasos Beitrag ist provokativ. Für die Gelehrten der damaligen Zeit erst recht (die wollten ihn gerade theologisch zur Schnecke machen, und nachher waren sie sprachlos). Ich empfand deinen historischen Hinweis als Schwächung dieser Provokation und dadurch als Verteidigung der rein intellektuellen Hermeneutik. Zumal du selbst unsere Fähigkeit zur Rekonstruktion der damaligen Denkweise relativierst.
    Tut mir leid, wenn ich deinen Gedankengang falsch aufgefasst habe.

    2. Der spannende Punkt, wie du sagst, ist das Verhältnis von Geist und Verstand. Geschichtlich haben Christen oft den intellektuellen Aspekt überbetont. Ich verstehe Hasos Beitrag als Gegengewicht mit biblischem Hintergrund. Mit ein bisschen Provokation dazu. Und ganz im Geist dessen, der in Lukas 14 das theologische Establishment provoziert.

  15. kapeka:

    Tja, und wäre müsste haso dann selber sagen, ob er das wirklich so gemeint hat, wie du das interpretierst ;-)

    Und mein historischer Hinweis will wirklich nichts von der Provokation der Worte Jesu nehmen. Das die Worte für den damaligen normalen Pharisäer provokant waren steht sicherlich ausser Frage. Das zeigt ja auch deren Reaktion.
    Was ich in Frage stelle, ist welches hermeneutische Prinzip ich jetzt aus dieser Stelle ableite. Und darüber darf man sich genüßlich streiten, ohne dass dadurch der Provokation der Wind aus den Segeln genommen wird.

    Übrigens gab es sehr viele, vielleicht nicht genauso viele, aber doch recht viele Epochen, die parallel oder in Reaktion auf den Intellektualismus den Spiritualismus überbetont haben. Ich habe mit beiden Varianten meine Probleme (und vielleicht provoziert gerade das wieder, wo manche lieber schwarz oder weiß sehen wollen ;-) )

Einen Kommentar hinterlassen:

Using Yaletown Theme for Wordpress.