15
Mai
2007

Der ungehorsame Kontinent

Monopole sind nicht gut – weder das einer Softwarefirma noch das einer Kirche. Wenn Monopole ins Wanken geraten, wehren sie sich. Das ist in Ordnung, solange sie die Herausforderung der Konkurrenz annehmen und das eigene Produkt verbessern. Es ist nicht in Ordnung, wenn sie die Konkurrenz unfair attackieren.

Nehmen wir als Beispiel Microsoft. Schon vor drei Jahren räumten Manager des Software-Riesen ein, “die Bedrohung durch Linux nimmt zu“. Microsoft hat alles Recht, diese Bedrohung durch Steigerung der eigenen Qualität, Senkung der eigenen Preise und Erhöhung der eigenen Transparenz abzuwehren. Wenig fair scheint mir der Weg, unter Ausnutzung einer windigen Rechtslage Linux der Verletzung von 42 Microsoft-Patenten zu beschuldigen.

Nehmen wir als weiteres Beispiel die Katholische Kirche in Lateinamerika. Drastische Umsatzeinbußen gefährden das lange Zeit unumstrittene Monopol. Nicht zwischen Apple und Linux, sondern zwischen Befreiungstheologie und Freikirchen wird der Raum enger. Es ist in Ordnung, wenn die Katholische Kirche daraus die Konsequenz zieht, das eigene Produkt zu verbessern und besser zu vermarkten.

Vor dem Hintergrund des starken Rückgangs des Anteils katholischer Gläubiger in ganz Lateinamerika wies der Papst auf die von seinem Vorgänger Johannes Paul II. erstmals erwähnte „neue Evangelisierung“ hin. Benedikt rief in Aparecida die Katholiken des Subkontinents auf, „mutige und wirksame Missionare“ zu sein. (Focus)

Ob es dazu hilfreich ist, Befreiungstheologen zu verketzern und Freikirchen als “Sekten und Pseudo-Religionen” zu bezeichnen, wird sich zeigen.

14 Kommentare

  1. Königstochter:

    Tja, leider plappern fast alle mir unter die Augen gekommenen Medien gedankenlos nach, was Du im letzten Satz feststellst… Als die “brüderliche” Einheit Liebende hoffe ich sehr, dass die katholischen Gläubigen hier anders denken als ihr Chef…

  2. Günter J. Matthia:

    Recht hat sie, die Königstocher.

    Und wie erfrischend (und segensreich) wäre es doch, wenn die katholische Obrigkeit in Lateinamerika nicht Konkurrenz wittern, sondern Ergänzung wahrnehmen würde.

  3. fono:

    >Befreiungstheologen zu verketzern

    Der Papst als oberster Glaubenshüter hat nicht nur das Recht sondern auch die Pflicht dazu, Lehren die nicht dem katholischen Glaube entsprechen zu verurteilen. Im Bezug auf die Befreiungstheologie ist das eine recht komplizierte Angelegenheit. Da vertraue ich der Arbeit der zuständigen Kongregation und dem Urteil des Papstes als versierten Theologen.

    >Freikirchen als “Sekten und Pseudo-Religionen” zu bezeichnen

    Interessanterweise wurde in früheren Berichten in den Medien noch zwischen Freikirchen und Sekten unterschieden, was mir auch logischer erscheint und eher der Sprache der Kirche entspricht. Die von Benedikt genannten Abwerbeversuche verschiedener Freikirchen habe ich allerdings auch schon über mich ergehen lassen müssen und von verschiedenen katholischen Missionaren im Ausland weiß ich, dass sowas keine Seltenheit ist. Sich gegen solche Übergriffe zur Wehr zu setzen ist dann das gute Recht der Kirche.

  4. Micha/JF Chemnitz:

    insofern man den Papst als geistliche Lehrautorität akzeptiert mag das richtig sein.

    Ich meinerseits lehne sogenannte “geistliche Leiterschaft” grundsätzlich ab, da nicht biblisch.
    (die Befürworter solcher Leiterschaft mögen mir begründen, warum der Papst für sie NICHT maßgeblich ist)

    Am Rande: Nein, ich hab nix gegen Katholiken. Ehrlich.

  5. Haso:

    @fono: zur befreiungstheologie. es geht mir nicht so sehr um die (aus katholischer sicht) rechtgläubigkeit. selbst eine bewegung, die dogmatische defizite aufweist, kann ein wichtiges anliegen vertreten. ihre verurteilung hat bei vielen armen in lateinamerika (zusammen mit sonstigen positionierungen der kirche) nicht die sicherheit geschaffen, dass die kirche solidarisch an ihrer seite stünde. das ist ein problem, dass deine kirche lösen muss.

    zu freikirchen. es gibt sicher problematische evangelisationsmethoden – von der früheren schwertmission deiner kirche über konfessionskriege und kolonialisierungsbegleitende mission aller kirchen bis zu heutigen penetranten crusades meiner freikirchlichen freunde. das kann man kritisieren, dagegen darf man sich wehren. deshalb muss man dem anderen nicht den status einer legitimen kirche absprechen.

    @micha: hast du in der bibel etwas entdeckt, was ich übersehen habe?

  6. fono:

    @Haso
    >Das ist ein Problem, dass deine Kirche lösen muss

    Es geht ja nicht um eine Verurteilung der gesamten Befreiungstheologie, die ja ein weites Spektrum aufweist, sondern lediglich um bestimmte Theologen. Ein anderer und sicherlich wahrer Punkt ist die Erneuerung der Beziehung zu den Armen. Das ist sicherlich einer der Gründe, warum sich viele Menschen zu den Freikirchen hingezogen fühlen, weil sie ihnen einen subjektive Sicherheit bieten. In dieser Hinsicht sollte sich die Kirche in Lateinamerika vermehrt der katholischen Soziallehre verpflichten und nicht zuletzt mehr Priester ausbilden.

    >Deshalb muss man dem anderen nicht den Status einer legitimen Kirche absprechen.

    Wenn du “Dominus Iesus” gelesen hast, wirst du wissen, dass die RKK protestantische und freikirchliche Gemeinschaften grundsätzlich nicht als Kirchen im orthodoxen Sinn anerkennen kann. Das ist aber keine Beleidigung denn die Orthodoxie hält uns Katholiken auch nur für einen “Rest der Kirche”, also für Abgefallene.

  7. Königstochter:

    @ fono

    Wie? Ist Christus etwa zerteilt? Ist denn Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft?
    1. Korinther 1,13

    Für Paulus kann man sicher auch jeden anderen Namen eines christlichen Leiters einsetzen, inklusive den des “Heiligen Vaters”…
    Es gibt nur EINEN Leib Christi – und dazu gehören alle, die “in Christus” sind.

  8. fono:

    @Königstochter
    >Es gibt nur EINEN Leib Christi

    Das sieht die RKK genauso: “Es gibt also eine einzige Kirche Christi, die in der katholischen Kirche subsistiert und vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird. Die Kirchen, die zwar nicht in vollkommener Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen, aber durch engste Bande, wie die apostolische Sukzession und die gültige Eucharistie, mit ihr verbunden bleiben, sind echte Teilkirchen.” – aus Dominus Iesus

    Da Protestanten und Freikirchen sowohl die apostolische Sukzession und als auch die Eucharistie bewusst ablehnen, können sie nach dem Verständnis von Kirche der RKK keine Kirchen sein, durch die Taufe gehören die Gläubigen dieser Gemeinschaften aber der Kirche an.

    Die orthodoxe Kirche, besonders die Russisch-Orthodoxe Kirche sieht nur sich als Bewahrerin der wahren Kirche. Sie sieht die RKK nicht als vollwertige Kirche an und die aus der Reformation hervorgegangen Gemeinschaften haben aus ihrer Sicht komplett die Bindung an die überlieferte Kirche verloren.

  9. Haso:

    @fono: du sagst uns: “ihr seid zwar christen, aber keine kirchen. dass wir euch so ansehen, sollte euch aber nicht bekümmern, denn die orthodoxen behandeln uns ebenso.” na ja.

    in dieser frage ist trotz “dominus iesus” das letzte wort noch nicht gesprochen. immerhin behandeln wir uns gegenseitig schon viel besser als je zuvor.

  10. fono:

    @Haso
    >in dieser frage ist trotz “dominus iesus” das letzte wort noch nicht gesprochen.

    Das wäre wünschenswert auch wenn ich mir jetzt nicht vorstellen kann, in welcher Form das geschehen soll. Es ist nunmal so, dass Protestanten und Freikirchen unter anderem genau die Punkte aus Überzeugung ablehnen, die nach altkirchlichem Verständnis eine Kirche ausmachen. Deshalb sehe ich die ökumenischen Beziehungen zumindest was diese Themen angeht erstmal an einem Endpunkt angekommen. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass die Ökumene ausgeschöpft ist, schließlich gibt es ja noch viel was man gemeinsam unternehmen kann. Darann sollte man weiter arbeiten und der Rest wird sich zeigen.

  11. Königstochter:

    Ganz im Ernst – im Grunde ist es doch total egal, was die Theologie und Dogmatik behauptet, was (oder wer) Kirche ist, oder?
    In diesem Zusammenhang finde ich den Beitrag von heute (“Richtigkeit oder Realität”) sehr passend. Wenn die eine oder andere “Kirche” Definitionen von Kirche aufstellt, heißt das noch lange nicht, dass diese auch mit der Realität in Einklang stehen.
    Die Ekklesia (soweit ich weiß soviel wie “die Herausgerufene”) besteht de facto aus “den Herausgerufenen”, und daran ändert keine wie auch immer geartete Dogmatik etwas. Die Gläubigen wissen das zum (hoffentlich) großen Teil und kehren sich nicht an Definitionen…

  12. fono:

    @Königstochter
    >Ganz im Ernst – im Grunde ist es doch total egal, was die Theologie und Dogmatik behauptet, was (oder wer) Kirche ist, oder?

    Auf dich mag das zutreffen, mir persönlich ist es nicht egal zumal ich mich als Katholik auch verpflichtet sehe, die Lehren meiner Kirche zu glauben oder mindestens zu akzeptieren, weil ich ihr die nötige Autorität in diesen Fragen zugestehe. Hier zeigt sich eben unser unterschiedliches Verständnis von Kirche.

  13. Haso:

    @königstochter: in bezug auf die freiheit, in der wir leben können, stimme ich dir zu. in bezug auf die liebe zu katholischen und anderen mitchristen finde ich es doch wichtig, sich darüber zu verständigen, wieviel verständigung zwischen uns möglich ist und was im miteinander geht.

    @fono: deinem kommentar nummer 10 kann ich zustimmen. wir müssen gegenseitig akzeptieren, dass es derzeit in der ekklesiologie unüberbrückbare differenzen gibt. aber es gibt terrain, auf dem gemeinschaft und gemeinsamer dienst möglich sind, und das lass uns bestellen. der rest liegt in der hand des dominus iesus.

  14. Abtauchen « Reinalds Ramblings:

    [...] Verfasst von reinald am 10. Juni 2007 und dann unvermittelt wieder aufzutauchen, scheint eine meiner Spezialitäten zu sein. Nach längerem Schweigen melde ich mich also hiermit wieder zu Wort. Zu Schreiben hätte es ja eine ganze Menge gegeben angefangen vom Papst in Südamerika bis zum G8 Gipfel war ja einiges los. Nicht zu vergessen natürlich das grandiose Finale der Bundesliga in Deutschland! (Kann man das in einem Zug nennen?) Aber im Ernst der Mai war ein voller Monat! So viele Gelegenheiten zum Lehren, Predigen usw. hatte ich glaube schon lange nicht mehr. Ja und der Mai war auch ein schöner sonniger Monat. Insofern. Naja ihr wisst schon. Außerdem haben ja, wie ihr an den Links seht, andere ganz gut zu den Themen Stellung bezogen. Und ich werde wahrscheinlich in Zukunft auch mehr Zeit zum Schreiben haben, nachdem ich mir das von Marlin empfohlene “Four Hour Week” bestellt habe. Lesestoff, den ich euch sonst noch empfehlen kann: Ulli hat jetzt ihren eigenen Blog und Tom Wymore schreibt hier ein paar gute Artikel, ja ich weiß, alles sehr grundlegend aber auch immer wieder wichtig. Soviel mal für heute, einen guten Start in die neue Woche! [...]

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