Februar
2006
Gott oder Mammon
Das Thema “Christ und Besitz” beschäftigt derzeit. Einstiegslinks zu ersten Blogeinträgen finden sich bei Hufi.
Diese Diskussion hat feine Züge. Man spürt die Aufrichtigkeit, mit der die Beteiligten nach einem Lebensstil trachten, der den Namen “Nachfolge” wirklich verdient hat. Man erfährt die Konsequenzen, die Leute ziehen, indem sie zum Beispiel ihre Festplatte von allem reinigen, was da nicht ehrlicherweise draufgehört. Und ich hoffe, Martins Satz “Ich will Jesus und keinen Reichtum” findet auch in den Herzen meiner Leser ein Echo.
Trotzdem hat nicht nur der Mammon, sondern auch der Kampf gegen den Mammon seine Gefahren. Man kann – ungewollt – in der Frage “Was ist noch okay?” steckenbleiben oder in einem permanent verkrampften Gewissen. Man kann vorschnelle Feindbilder und falsche Ideale aufbauen. Deshalb einige weitere Gedanken zu einem Thema, das mich nicht nur theoretisch beschäftigt.
Der reiche Jüngling
Wer sich als Christ der Frage nach dem Besitz stellt, kommt an dieser Passage (Lukas 18,18-30) nicht vorbei. Sie ist so herausfordernd, wie sie klingt. Aber sie ist anders herausfordernd, als sie oft verstanden wird. Die Aufforderung, “alles zu verkaufen”, ist kein Chronos-Wort, sondern ein Kairos-Wort. Jesus predigt hier keinen (dauerhaften) Lebensstil der Armut, sondern stellt einen Menschen vor eine punktuelle Entscheidung, an der er entweder scheitert oder durchbricht.
Jesus schließt nicht aus, das solche Entscheidungen später zu erneutem, auch materiellem Segen, führen (Matthäus 19,29). Paulus, der in seinem Lebensstil die Radikalität Jesu wiederspiegelt, macht Hoffnung auf Überfluss (2.Korinther 9,8), spricht Reichen ins Gewissen, ohne ihnen eine Armutsideal zu predigen (1. Timotheus 6,17-19) und hält es für geistliche Fitness, wenn man sowohl Mangel als auch Überfluss verkraftet (Philipper 4,11-13).
Jesus will nicht Reiche arm machen. Er will Reiche ins Reich Gottes bringen und ihnen den wahren “Schatz” geben. Sie sollen entdecken: “Leuten was zu geben macht mehr Spaß, als nur zu bekommen” (Apostelgeschichte 20,35; Volxbibel). Nicht “Armut ist christlicher als Reichtum”, sondern “Geben ist geil” lautet seine Devise. Wer Geben nur für edler hält, und obendrein nicht mit gutem Gewissen genießen kann, hat Jesus noch nicht ganz verstanden. Jesus hat so gern gegessen und getrunken, dass sie ihn einen “Fresser und Weinsäufer” genannt haben (Matthäus 11,19; dieses Wort missbrauche, wer will, zum eigenen Schaden). Aber als es darauf ankam, war er bereit, das letzte Hemd zu geben (Johannes 19,23-24). Das ist Freiheit!
Um ins Reich Gottes einzugehen, muss die Herrschaft des Mammon gebrochen werden. Bei Menschen ist das unmöglich, sagt Jesus. Deshalb ist es nicht mit einer Armuts-Ethik – oder einer anderen Ethik – getan. Befreiung geschieht nicht durch Ethik. Befreiung geschieht durch Erlösung. Nur Gott kann erlösen. Armutsideale und andere Ideale können das nicht.
Erlösung kommt, wie gesagt, nur von Gott. Was von Gott kommt, wird durch Glauben empfangen. Glaube ohne Werke ist tot. Deshalb wird niemand in seiner “Nachfolge” sehr weit kommen, ohne in bestimmten Situationen von Jesus ähnlich radikal herausgefordert zu werden wie “der reiche Jüngling”. Ich kenne keinen, der wirklich im Segen lebt, ohne krasse Kairos-Schritte gegangen zu sein. Sicherheiten aufgeben, hirnrissig hohe Beträge in die Kollekte schmeißen, sich gegen nahestehende Leute stellen oder total verrückte Sachen machen – keiner bleibt auf Dauer ungeschoren.
Eine Chronos-Ethik des Armutsideals ist da viel weniger radikal. Sie wird früher oder später die Sache wieder praktikabel machen. “Es geht nicht absolut, also machen wir soviel, wie geht. Und außerdem ist keiner von uns vollkommen, sondern wir sind alle auf dem Weg.” Das ist häufig das Ergebnis, wenn wir “den reichen Jüngling” ethisch deuten.
Nachfolge hingegen führt uns an den Kairos, an dem wir nur noch springen können, und wenn es das letzte ist, was wir jemals tun. Solche Kairoi verrät uns nicht die Exegese, sondern der Geist Gottes. Denn nicht, die sich von der Armut leiten lassen, noch die, die sich vom Wohlstand leiten lassen, sondern “die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Gottes Kinder” (Römer 8,14). Wenn es dran ist, weißt du es.
Nachfolge ist die verrückteste, radikalste, unmöglichste, schmerzhafteste und schönste Sache, die es gibt.
Haso
Geglaubtes
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Mein Kommentar dazu ist kurz: AMEN !
[...] Ich liebe enthusiastische Gemeinden. “Amen!”, “Hallelujah!”, “Preach it!” und ähnliche Störungen der gottesdienstlichen Ruhe bringen mich in homiletische Höchstform. Nun hat mein alter Freund Arthur eben sein “AMEN” in den Blogsaal gerufen. Was soll ich da machen? Ich spüre, wie der “preach” auf mich kommt, und muss nachlegen. Danke, Arthur. [...]
[...] Beitrag 1 – “Gott oder Mammon” [...]
danke haso, nun muss ich nicht mehr darüber posten. ich hätte auch in dieser richtung geschrieben. naja, tu ich vielleicht trotzdem noch einmal.
meines erachtens zeigt sich in deinen posts immer wieder ein hermeneutischer schlüssel, der für dich wichtig ist: die unterscheidung von chronos und kairos. ich finde das gerade in bezug auf dieses thema auch sehr wichtig, beides zu unterscheiden. es kommt noch ein weiter hinzu, der im prinzip derselbe, aber auf einer anderen ebene ist: die unterscheidung zwischen zeugnis und prinzip. beides darf nicht verwechselt werden, das führt nur zu katastrophen. wenn ich jetzt noch luhmanns ewige ausgangsbasis für jede theoriekonstruktion (“mache eine unterscheidung!”) hinzu nehme, komme ich vielleicht doch noch zu einem recht interessanten post über finanzen.
aber im grunde ist alles schon gesagt: die ausgangsbasis der bibel (speziell des NT) ist nicht armut oder reichtum als idealzustand sondern unabhängigkeit vom babylonsystem. die kann in beiden seiten zu finden sein, ist aber im grunde immer eine herzenssache. ich kann gerne einen mercedes fahren wenn ich mir die freiheit behalte, ihn dem nächsten penner zu schenken, wenn gott das sagt.
mein schlüsselvers zum thema ist philipper 4,13: “ich bin in allem und für alles geübt, sowohl satt zu sein, als zu hungern, sowohl Überfluß zu haben, als Mangel zu leiden. Ich vermag alles durch den, der mich stark macht.”
in diesem sinne, bis zumnächsten post.
volle zustimmung, storch.
vielleicht hängen diese gegensätze (chronos – kairos; prinzip – zeugnis) mit einem thema zusammen, dass ich angefangen habe, aber mit dem ich zur zeit nicht so recht weiterkomme: “ich bin kein halachist.” halachisten wollen immer alles definieren (egal ob pflichten oder lehren). das ergebnis ist statisch, “chronisch”, prinzipiell. jesus hat sich diesem halachistischen denken meistens verweigert, indem er entsprechende “halachische” anfrage mit einem “maschal” gekontert hat. (steinigen oder nicht? wer ohne sünde ist, werfe den ersten stein. steuer zahlen oder nicht? gebt gott, was gottes ist. usw.) seine worte sind “kairotisch”, zeugnisartig, dynamisch.
er ist eben kein halachist, sondern ein maschalist. seine worte sind manchmal wie bomben, die explodieren, manchmal wie ein same, der gesät wird. aber immer etwas, was den ganzen menschen ergreift (oder dieser verweigert sich). sie lassen sich nie auf´s bescheidwissen und richtigmachen reduzieren.
nochmal zum thema chronos – kairos. nachdem du mich drauf aufmerksam gemacht hast, wird mir noch bewusster, dass dieser hermeneutische schlüssel bei mir wirklich viel verwendung findet. dazu gehört der gegensatz logos – rhema.
jesus selbst hat sehr “kairotisch” gelebt (johannes 7: meine zeit ist noch nicht gekommen, eure zeit ist allewege). das ganze prinzip der “geistleitung” (römer 8,14) setzt voraus, das viele ethische handlungen nicht prinzipiell-chronisch, sondern aktuell-dynamisch bestimmt werden.
und eigentlich steht für mich das ganze glaubensleben unter diesem vorzeichen. (hast du mal den “pin-tan-glauben” aus den frühtagen meines blogs gelesen? eigentlich geht es da auch nur um chronos – kairos.)
genug dessen für heute. jetzt ist der kairos, noch ein, zwei emails zu schreiben. ciao.
was die unterscheidung rhema/logos angeht bin ich sehr gespalten. ich habe das mal systematisch nachgelesen und bin manchmal zu dem ergebnis gekommen, dass das NT diese unterscheidung nicht durchzieht.
darüber hinaus habe ich zu joh 1,1 die meinung das überhaupt nicht ein “wort§ gemeint ist, was ich theologisch für unsinnig halte, sondern dass johannes an das philosophische prinzip des logos anknüpft. der logos war ja in der griechischen philosophie ein wichtiger begriff: schöpferisches prinzip, weltenbauplan und allerlei weiteres als ich als eine art unpersönlichen philosophischen gott bezeichnen möchte. ein (vor)wissenschaftlicher gott der atheisten. somit sagt johannes: “das, was ihr griechischen denkfüchse immer schon gekannt und bestaunt habt, das ist fleisch geworden in christus”. dagegen ist “wort” eine sehr schwache bezeichnung für gott selbst….
wenn es in dem fall eine ausnahme ist, die aus der üblichen rhema-logos-unterscheidung herausfällt, kippt aber das system, oder wird zumindest nicht mehr100%ig stabil sein.
ähnliches gilt auch für die pneuma-psyche-unterscheidung. auch die wird nicht durchgezogen. insgesamt denke ich bei so was: im prinzip ja, immer: nein.
vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass ich maschalist bin
übrigens habe ich auch mal über chronos-kairos geschrieben. ist noch von 2002, aber so wie ich es in erinnerung habe, ist es okay: http://www.jfrs.de/theologie/zeitpunkte_gottes/zeitpunkte_gottes.doc
gibt auch eine predigt dazu, vielleicht interessiert es ja jemanden: http://www.jfrs.de/theologie/mp3/mp3/020405/index.php
so, jetzt wird scrabble gespielt.
Sehr gute Gedanken, danke. Diese chronos/kairos-Unterscheidung macht hier sehr viel klar.
Nebenfrage: Kannst du deinen RSS-Feed auf Volltext umstellen? Ich finde es oft zu mühevoll, auf die Website zu gehen und deshalb verpasse ich manche deiner guten Texte. Dieser Post tauchte bei mir sogar gar nicht in Thunderbird auf…
@ alle: gibts noch mehr leute, die mit meinem feed probleme haben?
@ storch: deiner einschränkung zur logos-rhema unterscheidung stimme ich voll zu. da dürfen wir nicht schematisch denken. wörter haben immer etwas dynamisches, variables. es gibt bibelstellen, die belegen, dass es ein allgemeines wort gottes (logos) und ein aktuelles wort gottes (rhema) gibt. aber das heißt doch nicht, dass ich jetzt jedesmal, wenn ich auf das wort rhema stoße, automatisch ein aktuelles wort gottes vorliegen habe.
wenn ich umgekehrt eine stelle finde, wo rhema nicht diese spezialbedeutung hat, heißt das doch nicht, dass es die sache nicht gibt.
fazit: es gibt die unterscheidung von logos- und rhema-wort, aber nicht jedesmal, wenn in der bibel einer dieser begriffe vorkommt, ist diese unterscheidung gemeint.
[...] Ist meinen kundigen Lesern schon aufgefallen, wie verständig der Storch den Kairos vom Chronos unterscheidet? Das liest man schwarz auf weiß hier und hier und besonders hier. Und hier hört man es laut auf leise. Woher kommt ihm diese Einsicht? [...]
damit kann ich gut leben haso. sehe ich auch so.
äh, ich habe mit dem feed keine probleme. kann in opera den ganzen text im reader lesen.
[...] jüngst kam es bei haso zu einer interessanten diskussion, die allerdings reichlich “offtopic” war. das thema des posts war “gott oder mammon“, haso zeigte einen wichtigen hermeneutischen schlüssel: die unterscheidung chronos/kairos. wir kamen auf eine weitere unterscheidung: rhema/logos und so auf johannes 1,1: Im Anfang war der Logos, und der Logos war bei Gott, und Gott war der Logos. (sperrig aber wunderbar übersetzt aus dem münchner NT). [...]
[...] Markus Lägel und hier noch einmal mit einer Linksammlung zum Thema. HASO mit Gott oder Mammon und Noch mehr über Gott oder Mammon. Ausserdem noch Mark Reichmann mit vielen Posts über Fair Trade und soziale Gerechtigkeit (einfach den Blog durchsuchen!). Linknotes: Bardmann, Theodor M. und Baecker, Dirk: “Gibt es eigentlich den Berliner Zoo noch?”, Konstanz 1999, Seite 100 ↩ [...]