4
Februar
2006

Noch mehr über Gott und Mammon

Ich liebe enthusiastische Gemeinden. “Amen!”, “Hallelujah!”, “Preach it!” und ähnliche Störungen der gottesdienstlichen Ruhe bringen mich in homiletische Höchstform. Nun hat mein alter Freund Arthur eben sein “AMEN” in den Blogsaal gerufen. Was soll ich da machen? Ich spüre, wie der “preach” auf mich kommt, und muss nachlegen. Danke, Arthur.

Die “Aussendungsrede”

Der dem Mammon entrinnende Christ kommt an einer weiteren Passage nicht vorbei:

Diese Zwölf sandte Jesus aus und gebot ihnen: … Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe. Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben. Steckt nicht Gold, Silber und Kupfermünzen in euren Gürtel. Nehmt keine Vorratstasche mit auf den Weg, kein zweites Hemd, keine Schuhe, keinen Wanderstab … Wenn ihr in eine Stadt oder in ein Dorf kommt, erkundigt euch, wer es wert ist, euch aufzunehmen; bei ihm bleibt, bis ihr den Ort wieder verlaßt (Matthäus 10,5-11; Einheitsübersetzung).

Auch diese Stelle ist so herausfordernd, wie sie klingt. Und auch diese Stelle ist anders herausfordernd, als sie oft verstanden wird. Erneut predigt Jesus kein Armutsideal. Nicht Armut, sondern Abhängigkeit ist angesagt. Jesus schickt seine Leute nicht in den Mangel, sondern ins Glaubensabenteuer. Sie würden jeden Tag neu darauf angewiesen sein, einigen gastfreien Exemplaren ihrer eigenen Spezies zu begegnen. Sonst würde die Nacht sehr kalt, der Bauch sehr leer und das Hemd sehr schmutzig sein.

Für diese Vorgehensweise spricht einiges. Zunächst bleibt der eigene Glaube fit, wenn man ständig für etwas vertrauen muss, was nicht durch einen Tarifvertrag oder ein Sparbuch abgesichert ist. Man ist besser davor geschützt, geistliche Konserven unters Volk zu bringen und ein religiöser Routinier zu werden.

Des weiteren schafft dieser no-cash-and-no-luggage-trip eine besondere Beziehung zwischen Bote und Adressat. Die Jünger kommen nicht nur als Wohltäter, sondern auch als Bedürftige. Die Stadt braucht das Evangelium, und der Evangelist braucht die Stadt. Das ist manchmal besser als einseitige Heilsbringer-Beziehungen. Wer anderen immer nur (materiell oder ideell) etwas gibt, kann sich genau so schnell über sie erheben wie der, der sie immer nur abzockt.

In Johannes 4 lesen wir von einem erfolgreichen Outreach in einer samaritanischen Stadt. Ausgangspunkt war die Bereitschaft Jesu, sich von einer Frau, die in dieser Stadt der Outcast war, einen Drink spendieren zu lassen. (Die Frage nach dem Wasser war kein evangelistisches Tool. Jesus hatte richtig Durst!) Gelegentlich ist die größte Wohltat, die du einem Menschen erweisen kannst, deine Bereitschaft, von ihm etwas zu empfangen.

Und schließlich hat Jesus bei der Aussendung der Jünger eins klar gestellt: Was er sagt, geht. Nicht Finanzierbarkeit, sondern Gottes konkreter Auftrag ist das Maß des Möglichen. Viele Christen und noch mehr Gemeinden, die ich kenne, werden nicht von dem Geld beherrscht, das sie haben, sondern von dem, das sie nicht haben. Die Mathematik des Unglaubens lässt viele Sachen im Reich Gottes scheitern. “Wer soll das bezahlen?” wird zur Goldenen Regel, wo sie doch lauten sollte: “Wer hat das gesagt?” Wenn es ein Mensch war, vergiss es. Wenn es Gott war, tu es. Auch wenn du das Geld noch nicht hast.

Auf der Schiene Gottes fährt man, selbst wenn man mittellos fährt, nicht in den Abgrund des Mangels. Es mag hier und da eine kleine Glaubensprüfung geben. Aber Gott hat ein Auge darauf, dass “wer arbeitet, ein Recht auf seinen Unterhalt hat” (steht auch in dem oben zitierten Abschnitt – in der zweiten Auslassung). Später haben die Jünger denn auch quittiert, keinen Mangel erlitten zu haben (Lukas 22,35). Woraufhin Jesus sie für den Fall entpflichtete, sie hätten seinen Auftrag mit einem Armutsgelübde verwechselt: “Jetzt aber soll der, der einen Geldbeutel hat, ihn mitnehmen, und ebenso die Tasche” (Lukas 22,36).

Nicht Armut, sondern absolute Freiheit für den Willen Gottes ist das Thema.

11 Kommentare

  1. Morti:

    Sehr geiler Text!
    Beschäftige mich auch seid über einem Jahr intensiv mit dem Thema Finanzen.
    Wo kommst du eigentlich her?
    Mail mir doch mal. Würde mich da gerne näher austauschen, nicht unbedingt über Blog.
    Segen Morti

  2. Kerstin:

    PREAAAAAAAAAAACH IT!!!
    (Das hätte ich jetzt auch ohne das “Vorwort” geschrieben. Ehrlich!)
    (Kennst du die Plass-Version von diesem Bibeltext? *g*)

  3. haso:

    ne, kenn ich nicht, bin zu ernst für plass.

  4. Kerstin:

    das tut mir leid für dich. :(

  5. Kerstin:

    (Sag mal, meintest du das ernst? Dann kennst du glaub ich vielleicht die guten Bücher von ihm nicht… ich empfehle wärmstens “Ein Außerirdischer im Kirchenschiff” – Adrian Plass hat nicht viel mit Albernheit zu tun. Wirklich nicht. Eher mit Liebe, mit Gnade, mit Barmherzigkeit, mit Hoffnung. Das scheint durch.)

  6. storch:

    ich habe plass mal live gesehen. hammer. könnte einer der besten gottesdienste ever gewesen sein…

  7. Haso:

    hab seit dem tagebuch des frommen chaoten nichts mehr von ihm gelesen. aber wenn ihr das sagt, bekommt er vielleicht eine zweite chance.

  8. Kerstin:

    kauf dir ne großpackung taschentücher und les den außerirdischen im kirchenschiff, ernsthaft.
    obwohl, ihr männers weint ja immer nich so schnell ;)

  9. Haso:

    der mystery man, meinen lesern nicht unbekannt, hat wohl ziemlich viel von plass. wurde mir gleich zum ausleihen angeboten. vielleicht gibts ja noch ein happy end zwischen plass und mir. wäre plass zu gönnen.

  10. Kerstin:

    Seine Biographie (The growing up pains of Adrian Plass) kann ich auch empfehlen. Wenn Du schon so an der Quelle sitzt. ;)

  11. die Schönheit des Simplexen » Blog Archive » Honorare:

    [...] Lägel und hier noch einmal mit einer Linksammlung zum Thema. HASO mit Gott oder Mammon und Noch mehr über Gott oder Mammon. Ausserdem noch Mark Reichmann mit vielen Posts über Fair Trade und soziale Gerechtigkeit (einfach [...]

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