6
August
2007

Simplexität

Alan Hirsch berichtet, wie sein Leben durch ein Zitat verändert wurde, das er bei M. Scott Peck fand:

I wouldn’t give you a dime for simplicity this side of complexity. but I would give you all that I own for simplicity the other side of complexity.

Für diese Einfachheit jenseits der Komplexität verwendet Alan den Begriff Simplexität (simplexity). Im Gegensatz zur Simplizität, jener Einfachheit, die die komplexe Realität des Lebens einfach nicht zur Kenntnis nimmt und mit banalen Antworten jede differenzierte Wahrnehmung erschlägt, beschreibt Alan die Simplexität wie folgt:

As for the other side of the equation … I would give all that I own for simplicity the other side of complexity I believe this refers to those truths that have somehow honored the complex situation in which we exist and have yet to offer a simple solution/insight that seems to just somehow unlock the meaning of things. Often these ’simplex truths’ recognize paradox and mystery as part of the equation. I think these are the deepest truths of our lives.

Viele Menschen beginnen ihren geistlichen Weg in Simplizität. Wenn dann die Komplexität des Lebens sich meldet, wollen einige sie nicht wahrhaben. Fundmentalistische Richtigdenker und Richtigmacher aller Couleur sind das Ergebnis. Andere stellen sich der Komplexität des Lebens, einige verlieben sich gar in sie. Aber Komplexität ist kein Wohnort, sie ist nur ein Durchgangsstadium. Jenseits der Komplexität wartet die Heimat der göttlichen Einfachheit, die echter und tiefer ist als alles, was diese komplexe Welt bietet.

Wer in diese göttliche Einfachheit (in der Schrift auch “göttliche Ruhe” genannt) eingeht, wird allerdings oft missverstanden werden. Andere werden seine Simplexität als Simplizität deuten. Die Simpletons werden ihn für einen der ihren halten und meinen, sie verstünden ihn. Doch er spürt genau, dass sie ihn nicht verstehen. Man wird ihm vorwerfen, dass er die Dinge zu einfach sieht. Doch er weiß eins – er war blind, und jetzt sieht er.

Diese Bewegung von der Simplizität über die Komplexität zur Simplexität steht hinter dem johanneischen Modell geistlicher Entwicklung:

Ich habe euch Kindern geschrieben; denn ihr kennt den Vater. Ich habe euch Vätern geschrieben; denn ihr kennt den, der von Anfang an ist. Ich habe euch jungen Männern geschrieben; denn ihr seid stark und das Wort Gottes bleibt in euch, und ihr habt den Bösen überwunden. (1. Johannes 2,14)

Als erstes fällt auf, dass Johannes nicht chronologisch aufzählt. Den Kindern folgen nicht die (jungen) Erwachsenen, sondern die Väter (und Mütter). Sein Fokus ist auf die Lebensstadien der Einfachheit gerichtet (Kindheit und Vaterschaft). Die Phase der Komplexität ist das notwendige Intermezzo des Erwachsen-Werdens.

Kinder leben in der Simplizität. Sie kennen den Vater und sind sich seiner gewiss. Doch bald stellen sie fest, dass Gott nicht nur Vater, sondern ihnen in vielem ein Rätsel ist. Außerdem stellen sie fest, dass sie es nicht nur mit Gott zu tun haben, sondern mit einer Fülle von Gegebenheiten, die mit ihrer einfachen Gottesbeziehung nicht in Einklang zu bringen sind. Sie treten ein in die Komplexität, in der man stark werden und die Dinge aushalten muss. Diese Komplexität ist riskant. Sie kann zum Schwinden bringen, was man an Gott hatte oder zu haben meinte.

Man wird in der Komplexität Einsichten brauchen, die man weder aus sich selbst gewinnt noch aus den verwirrenden Verhältnissen ableiten kann. Johannes beschreibt die Notwendigkeit solcher Einsichten so: “Das Wort Gottes bleibt in euch.” Dies dürfte eine der spannendsten Erfahrungen des Christen auf dem Weg zur Simplexität sein: Wie kann man sich mit Gottes Wort der Komplexität des Lebens stellen, wenn doch in dieser Phase die Schrift selbst sich als wesentlich komplexer und verwirrender herausstellt, als man sich hatte vorstellen können.

Diese Komplexität ist ebenso chancenreich wie riskant. Wer sie “überwindet”, dem öffnet sich der Weg zur Simplexität. Die neue Einfachheit hat wieder mit dem Kennen zu tun. Väter “kennen den, der von Anfang ist”. Ihre Gottesbeziehung ist zurückgekehrt zur schlichten Vertrautheit, zur Ruhe, zur Einfachheit.

Für diese Einfachheit ist das Komplexe keine Bedrohung mehr. Für diese Einfachheit ist das Komplexe auch keine Versuchung mehr. Sie ist Gewissheit, Ruhe und Furchtlosigkeit inmitten von Chaos und Verwirrung.

In diesen Tagen ist viel von Dekonstruktion und Rekonstruktion die Rede. Dekonstruktion ist die notwendige Reaktion auf Simplizität, die es sich zu einfach macht, die Antworten von gestern tradiert und Realitäten von heute ignoriert. Dekonstruktion ist notwendig, aber sie ist ein Intermezzo. Dekonstrukteur ist nicht unsere Identität.

Wird der Dekonstruktion eine Rekonstruktion folgen, durch die wir “wissen” und “kennen” – auch wenn wir dieses Wissen und Kennen mehr in paradoxen als in logischen Sätzen ausdrücken können -, durch die wir “eingehen in die göttliche Ruhe” (Hebräer 4,3), durch die wir zu jenem Frieden gelangen, der nichts fürchtet, nichts simplifiziert, nichts verdrängt, nichts ignoriert, sondern einfach “höher ist als alle Vernunft” (Philipper 4,7)?

Gott ist nicht simpel. Aber Gott ist simplex.

11 Kommentare

  1. DoSi:

    Sehr geil, Danke!

  2. storch:

    wow… ich glaube, ich nenne mal eben meinen blog um in die “schönheit des simplexen”, es scheint dieses wort zu sein, das ich seit jahren suche!

  3. mzeecedric:

    huch, in worte gefasst was mich schon lange beschäftigt und was ich nicht verstanden habe selbst zu formulieren. Ich glaube das wir Christen oft “angst” haben vor der komplexität des lebens und uns deshalb lieber durch unsere scheuklappen an die simplizität klammern.
    (ich lese keine langen posts, aber manchmal schon. ;-) ). danke.

  4. Tino:

    danke, haso. das kommt meiner sichtweise sehr nahe.
    das wort “simplexität” ist mir sofort ins gesicht gesprungen, weil ich vor 7 jahren unabhängig schon mal auf diese wortschöpfung gekommen bin. wenn ich mein altes gedicht von 2000 dazu lese, scheint mir da aber die komplexität lang nicht ausgereift zu sein. und trotzdem ist die einfachheit der antwort in der letzten strophe heute immer noch angemessen. http://www.geocities.com/TinoLingenberg/referate/Simplex.htm

  5. denkpause:

    Interessanter Artikel, der mir endlich eine sinnvolle Interpretaion zur genannten Stelle im Johannesbrief liefert :-) . Aber eine Frage hätte ich noch:

    —– zitat —–
    Diese Komplexität ist ebenso chancenreich wie riskant. Wer sie “überwindet”, dem öffnet sich der Weg zur Simplexität. Die neue Einfachheit hat wieder mit dem Kennen zu tun. Väter “kennen den, der von Anfang ist”. Ihre Gottesbeziehung ist zurückgekehrt zur schlichten Vertrautheit, zur Ruhe, zur Einfachheit.
    —– zitat —–

    Spricht hier der simplexe Haso, mit dessen Erfahrung sich das tatsächlich deckt oder ist es der simple Prediger, der mit dir durchgegangen ist? (wenn ich eine solch’ persönliche Frage stellen darf)

  6. haso:

    @denkpause: gute und berechtigte frage. haben wir das, worüber wir reden und schreiben, oder wünschen wir es uns nur? ich habe mir aufgrund deiner frage das genommen, wie du dich nennst – eine denkpause -, ohne die in dieser vorgenommene selbstbetrachtung veröffentlichen zu wollen.

  7. denkpause:

    OK :) . Trotzdem vielen Dank für deine Antwort.
    Ich wollte übrigens noch loswerden, dass ich dein Seminar auf dem FS besucht habe und es für mich das “beste” Seminar war, das ich seit langem gehört habe. Gerade weil du über reale und Erfahrungen berichtet hast und man gemerkt hat, dass du nicht nur Wunschdenken kommunizierst. Vielen Dank dafür mal!

  8. Haso:

    @denkpause: danke für die rückmeldung zum workshop. wenn du das nächste mal meinen weg kreuzt, dann stell dich doch mal vor.

  9. denkpause:

    Beim nächsten mal werd’ ich mich trauen – versprochen ;-)

  10. die Schönheit des Simplexen » Blog Archive » neues Aussehen:

    [...] wurde die “Schönheit des Simplexen”, ein Wort von Alan Hirsch, das ich bei HaSo aufgeschnappt habe. Hirsch schreibt: I would give all that I own for simplicity the other side of [...]

  11. KISS My A*s | Hackadelic:

    [...] Haso concludes well1 that we all begin our journey through the noosphere in simplicity, and either dogmatically refuse to recognize complexity, or learn to deal with it, only to realize that it is not a final state, but a thoroughfare to another, divine kind of simplicity. I like Haso’s final words: [...]

Einen Kommentar hinterlassen:

Using Yaletown Theme for Wordpress.