15
August
2007

Nochmal zu Fabian Vogts Emerging Church-Buch

DoSi hat positiv berichtet, Haso hat zugestimmt, Peter hat relativiert, Onkel Toby hat widersprochen, viele haben diskutiert, nicht nur [depone] und Onkel Toby finden die Diskussion interessant und anregend.

Onkel Tobys Einwände und die Diskussion haben mich zu folgenden Gedanken angeregt.

  1. Auch wenn der Prozess Emerging Church an vielen Stellen konvergiert und sich Praktiken und Überzeugungen der Emerging Church herausbilden, ist der Anmarschweg derer, die sich zu ihr zählen, sehr unterschiedlich.
  2. Einige finden auf dem apologetischen und philosophischen Weg zu ihr. Sie sind im Gespräch mit den Gedanken der Postmoderne und versuchen diese mit ihrem christlichen Denken und Handeln zu verbinden.
  3. Andere nehmen den ekklesiologischen Anmarschweg. Sie untersuchen, wie Gemeinde wirklich “funktioniert” oder besser “funktionieren” könnte, entdecken organische (oder andere) Muster und versuchen, diese in Gemeinde-Theorie zu fassen und in Gemeinde-Praxis umzusetzen.
  4. Wieder andere beginnen die Reise mit einem missionalen Aufbruch. Nicht so sehr die geistige, sondern die soziale Entwicklung ihrer Umwelt, an der sie teilnehmen und in die sie sich einmischen, bringt sie dazu, nach Formen gemeindlicher Existenz zu suchen, in denen Christen sich an der Missio Dei beteiligen können.
  5. Es gibt viele praktizierende Postmoderne, die keine postmoderne Theorie besitzen. Ihr Lebensgefühl hat sich verändert, und deshalb spüren sie zunehmend ein (oft nur wenig reflektiertes) Unbehagen an herkömmlichen Formen gemeindlicher Praxis, an denen sie sich nur widerwillig beteiligen oder von denen sie sich zurückziehen. Sie suchen etwas, wovon sie gar nicht wissen, was es eigentlich ist.
  6. Zu ihrem Unbehagen gehört oft, dass sie eine einseitig wortorientierte, auf bestimmte reformatorische Paradigmen eingegrenzte Praxis und Spiritualität nicht mehr ausreichend finden und sich nach ganzheitlicher (sowohl andere Ausdrucksformen des Glaubens einschließender als auch andere kirchengeschichtliche Quellen ausschöpfender) christlicher Existenz sehnen.
  7. Manche (besonders von dieser Gruppe) stoßen auf Emerging Church-Literatur und erleben einen Wiedererkennungseffekt. Einsichten, die sie nur geahnt haben, werden von anderen auf den Punkt gebracht. Ein diffuses ekklesiologisches Empfinden bekommt Sprache und Kontur.
  8. Ein ähnlicher Prozess wird angestoßen, wenn Leute zu Bewohnern der Blogosphäre werden.

Mein eigener Anmarschweg ist vor allem der von Nummer 4 und 8. Fabian Vogts Buch geht vor allem Weg Nummer 3. Er hat ein pastorales Anliegen: bestehende Gemeinden nicht dahinten zu lassen und ohne sie zu neuen Ufern aufzubrechen, sondern sie mit in die Bewegung hineinzuführen. Mir gefällt sein Buch vor allem deshalb, weil es Leuten, die nicht durch eigenen biographischen Leidensdruck oder durch eigene Suche in die Arme der EC getrieben werden, einen Weg eröffnet, Gespür und Verständnis für Praktiken und Überzeugungen der EC zu gewinnen und auf einem für sie passenden Weg Teil des Prozesses und der Konversation zu werden.

 

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