September
2007
Wahrheit ist relativ
Kein Satz ist unter Christen verdächtiger als dieser: “Wahrheit ist relativ.” Er klingt in vielen Ohren nach Beliebigkeit, Kapitulation vor dem “Zeitgeist” (was immer das ist) oder ähnlichem Verrat am Evangelium. In Wirklichkeit kann man dem Evangelium ohne diese Einsicht nicht treu sein, wie folgender Vergleich zeigt.
Es gibt eine “absolute Wahrheit” über Hannover – zumindest seit der Bezugspunkt für geografische Koordinaten feststeht. Die Stadt an der Leine hat die geografische Lage: 52° 22′ 28” N / 9° 44′ 19” O. Doch diese Angabe hilft mir nicht weiter, wenn ich nach Hannover will. Also frage ich: Wo liegt Hannover? Wie komme ich hin? Die Antworten lauten: Im Westen. Immer der A2 nach.
Wenn jedoch mein Freund aus Kassel nach Hannover möchte, wären diese Antworten für ihn falsch. Hannover liegt nicht im Westen, und eine A2 gibt es weit und breit nicht. Ihm müsste man sagen: Hannover liegt im Norden. Immer der A7 nach.
“Absolute Wahrheiten” über Gott helfen den Menschen oft nicht, ihn zu finden. Die Frage nach Gott ist für die meisten Menschen zunächst die Frage, wo sie in Bezug auf Gott stehen und in welche Richtung sie gehen müssen, um ihm näher zu kommen. Was dem einen den Weg eröffnet, führt den anderen in die Irre.
Wenn der eine fragt: “Was muss ich tun, um ewiges Leben zu erhalten?”, ist die richtige Wegbeschreibung: “Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus gerettet” (Apostelgeschichte 16,31). Wenn ein anderer dieselbe Frage stellt, braucht er eine ganz andere Wegbeschreibung: “Verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach!” (Markus 10,21).
Haso
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Wenn du im Beispiel Bielefeld anstelle von Hannover genommen hättest, dann hätte man noch ganz andere philosophische Betrachtungen zur Wahrheitsfrage oder deren Abstinenz anstellen können
Ansonsten finde ich das aber sehr schön erklärt. Du hast eine tolle Gabe, wesentliche Dinge in sehr treffenden Bildern auszudrücken. Das kenn ich sonst nur von meiner Frau.
[...] Haso nähert sich sehr schön einem Verständnis von Wahrheit, relativer Wahrheit an: lesenswert. [...]
Klasse erklärt. Und wenn Wahrheit personal ist, dann ist unser Verhältnis zu ihr immer relational und damit auch relativ. Selbst die Koordinaten wären ja genau genommen noch relativ, weil sie sich auf den geographischen Nordpol beziehen, den jemand irgendwann mal ermittelt und (vgl. Greenwich) willkürlich festgelegt hat…
schöne worte zur annäherung an eine wichtige frage.
Ich stimme mit dir überein, dass jeder eine “individuelle” Anweisung braucht, wie er nach Hannover (oder eben zu Gott) gelangt. Trotzdem ist und bleibt die Position von Hannover als “Wahrheit” absolut. Hier setzen auch meine Bedenken als “Absolutist” (Hurra, eine neue Denomination
) beim Thema Emergente Kirche an. Ich befürchte, dass irgendwann vor lauter Wegbeschreibungen bald niemand mehr das Ziel kennt.
@Hitsch: Ich würde schon mit Peter (und JC selbst) sagen, dass die Wahrheit eben in der Person Jesus Christus liegt. Wenn Wahrheit aber eine Person ist, kann sie ja gar kein absolutes Theorem mehr sein.
Und die eigentlich spannenden Fragen entstehen doch erst daran anschließend, wenn ich eben frage, wie mein Weg zu Christus ist und dein Weg.
Ja, sehr schön erklärt.
@Hitsch: Die Aussage Jesu “Ich bin die Wahrheit” bleibt trotzdem wahr bzw. besser gesagt: Jesus ist die Wahrheit. Also nicht der Satz ist die Wahrheit, sondern die Person. Wir glauben an eine relationale Wahrheit, an eine Person, die die Wahrheit ist.
Oh, da hat sich Simon “vorgedrängelt”…
Danke für Eure Antworten.
‘Wenn Wahrheit aber eine Person ist, kann sie ja gar kein absolutes Theorem mehr sein.’ – Dieser Aussage würde ich bei jedem Menschen zustimmen – nur eben nicht bei Jesus Christus. Weil er sowohl Mensch als auch Gott in sich vereint, ist er anderst. Als Sohn Gottes muss Jesu Tun und Handeln durchaus als Absolut verstanden werden. Sonst läuft man Gefahr Gottes Souveränität zu unterwandern. (Mir ist aber durchaus bewusst, dass trotzdem noch einiges an Interpretationsspielraum bleibt und immer wieder neu und situationsbezogen “theologisiert” werden muss).
Wenn man die absolute und die relative Antwort geanu anschaut, wird klar, dass eigentlich unterschiedliche Fragestellungen (evtl auch nur unausgesprochen) zugrunde liegen. Zum einen eben, wo Hannover ist, zum anderen, wie ich hinkomme, bzw. wo Hannover von mir aus gesehen ist. Bei dieser zweiten Fragestellung wird schon klar, dass es nicht um eine absolute Wahrheit geht, sondern eben eine für mich. Wie komme ICH nach Hannover.
Ich denke, dass beide Fragestellungen wichtig sind und ihre eigenen Antworten brauchen. Das Problem vieler Theologen ist, (vielleicht ein Problem der Moderne,) dass sie zwar nach einer absoluten Wahrheit suchen und forschen, aber in Wirklichkeit eine relative, eine eigene Wahrheit finden wollten. Wer diese relative Wahrheit nicht findet, der galubt am Ende auch nicht mehr an eine absolute Wahrheit. Na klar, wenn ich Hannover trotz intensivstem Suchen nicht finde, gehe ich vielleicht irgendwann von einer nicht wirklich existenten Stadt aus. So wie Atlantis. Also nur wer eine persönliche, relative Wahrheit gefunden hat und deshalb an die absolute Wahrheit glaubt, kann andern deren persönliche relative Wahrheit versuchen zu zeigen. Auf relativen Wegen.
@ Hitsch: Dieser Trick mit der Göttlichkeit Jesu (die die Menschlichkeit, Bedingtheit und Relativität aufhebt, von der die Bibel und die kirchliche Tradition spricht) ist für mein Empfinden Doketismus. Aus dieser Perspektive ist Jesus nicht wirklich und gänzlich Mensch geworden und geblieben – es sah nur so aus. Denn diese Art, Gott und Mensch zusammenzudenken, hebt alles Menschliche auf.
@Peter: Jesus die Menschlichkeit abzusprechen liegt mir fern (mit und ohne Tricks). Aber ich stelle mich gegen die Tendenz Seine Menschlichkeit zu überbetonen. Er ist beides, göttlich und menschlich, zu gleichen Teilen.
[...] Haso hat vor kurzem das Thema Wahrheit in erfrischender Weise aufgegriffen. Mit der Menschwerdung Gottes wird die Wahrheit zur Geschichte. Wo Inkarnation als theologischer Begriff und missionales Prinzip wieder schwer im Kommen ist, muss man das mit bedenken. Indem Gott sich in unsere menschliche Geschichte begeben hat, hat er sich auch der Vieldeutigkeit ausgesetzt. [...]
@Haso
Deine Analyse ist schon im Ansatz in sich vollkommen falsch: nicht Menschen suchen Gott, er findet sie und konfrontiert sie mit seiner absoluten Wahrheit. In der Auseinandersetzung damit reflektiert der Mensch erst den Zustand seines Lebens und lässt zu, dass Gott es verändert oder nicht. Daraus ergibt sich ein Weg und der heißt Christus: der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt dann zum Vater als durch ihn – egal aus welcher Richtung. Das Problem mit der Relativität der Wahrheit entsteht erst dann wenn Menschen Gottes Aussprüche in Frage stellen, um dadurch die Auseinandersetzung mit ihrer Sündhaftigkeit bequemer zu machen. In meinen Augen reiner Opportunismus und daher durchaus fragwürdig oder verdächtig, wie Du es ausdrückst.