Oktober
2007
Falsche Verbündete
Mit meinem Beitrag über die nationalsozialistische Familienpolitik wollte ich nicht Eva Hermann ein weiteres Mal abwatschen. Das tun genug andere. Außerdem habe ich sie weder gelesen noch im Originalton gehört. Auch über Kerner & Co. kann ich mich (noch) nicht äußern, weil die Aufzeichnung der Sendung noch meiner als Betrachter harrt. (Lesenswert fand ich Henryk M. Broders Kommentar “Moral zum Nulltarif“.)
Warum also beschäftigt mich der unsägliche Hinweis auf eine Epoche, als Mutter und Familie angeblich hoch im Kurs standen? Weil es in einem Teil des christlichen Spektrums Reaktionen und Rezeptionen gibt, die ich bedenklich finde. Zum Beispiel folgende:
Doch Herman blieb standhaft und wandte sich zudem gegen den Unsinn, jeden Vergleich mit dem Dritten Reich unter Strafe zu stellen …
Wie ist es nur möglich, dass die Eliten derart paranoid auf eine Frau reagieren, die lediglich konservative Familienwerte einfordert und das Wohl von Kindern in den Mittelpunkt stellt.
Nun ist es so, dass meine Frau und ich eine Entscheidung für ein gemeinsames Leben nach “konservativen Familienwerten” getroffen haben. Neben einigen anderen Punkten gehörte dazu die Festlegung: solange wir Kinder haben, die zur Schule gehen, wird meine Frau nicht berufstätig, sondern vollzeitlich für die Familie da sein. Bis heute halten wir diese Entscheidung für richtig. Das heißt nicht, dass sie ohne Herausforderungen war. Doch unsere Familie war und ist das mehr als wert.
Obwohl wir also nach “konservativen Familienwerten” gelebt und das “Wohl von Kindern in den Mittelpunkt gestellt” haben, tun wir einiges nicht:
1. Wir jammern nicht über die gesellschaftliche Entwicklung. Unsere Quelle ist nicht die Gesellschaft, sondern Gott – sowohl, was Anerkennung, als auch, was Versorgung angeht. Wir unterstützen Forderungen nach gesellschaftlicher Besserstellung von Familien und Förderung von Kindern. Aber wenn solche Forderungen (noch) nicht erfüllt werden, verfallen wir nicht in apokalyptische Stimmungen.
2. Wir halten unseren Lebensentwurf nicht für den einzig richtigen, und auch nicht für den einzig christlichen. [depone] hat vor über einem Jahr unter dem Titel Teilzeit berichtet, wie er und seine Frau eine ganz andere Art von Familienkonstellation leben, die genau so richtig und christlich ist wie unsere. (Und auch wenn die persönliche Erstbegegnung mit [depone] noch vor mir liegt, ist auch auf virtuellen Wegen seine Freude zu und an Familie unverkennbar.)
3. Bei aller Wertschätzung für die Familie reduziert sich unsere christliche Gesellschaftsethik nicht auf Themen aus dem Großraum Ehe und Sexualität.
Doch letzteres ist bei konservativen Christen (hierzulande und in der Moral Majority der christlichen Rechten in den USA) zu beobachten. Deshalb ist die dominierende Wahrnehmung, die solche Christen haben, die eines zunehmenden Werteverfalls. Wie die konservativen Gesprächspartner Jesu vor 2000 Jahren erkennen sie nicht die hoffnungsvollen “Zeichen der Zeit”, sondern sehen nur Niedergang und wachsende Gottlosigkeit.
Wer so mit dem Rücken zur Wand steht, greift nach jedem Strohhalm gesellschaftlicher Unterstützung. Es muss einer nur ähnliche Werte und Begriffe in den Mund nehmen oder in die Tasten hauen, schon ist er ein Verbündeter. Man ist ja froh und dankbar für jeden, der “konservative Familienwerte einfordert und das Wohl von Kindern in den Mittelpunkt stellt”. Wer so fühlt, der schaut nicht mehr genau hin.
Wir dürfen nicht vergessen, dass konservative Christen zu denen gehörten, die im Dritten Reich verführbar waren. Die Nazis verstanden es, Begriffe in den Raum zu werfen, die auch zum christlichen Vokabular gehörten, und sie verbanden diese Begriffe mit einer Intonation, die ähnliche emotionale Sentimente ansprach wie eine pathetische Predigt. Viele schauten nicht mehr näher hin, ob sich hinter Sprache und Tonfall nicht ganz andere Motive verbargen, die eine Allianz unmöglich gemacht hätten.
Und so spüre ich die Möglichkeit, dass konservative Christen auch heute verführbar sein können, wenn nur passende Partner sich anbieten, die mit den richtigen Schlagworten aufwarten und die richtigen Saiten erklingen lassen. Aufgrund solcher Zusammenhänge ist es nötig, “jeden Vergleich mit dem Dritten Reich” zwar nicht “unter Strafe zu stellen”, aber zu meiden wie der Teufel das Weihwasser. Es geht nicht an, aufgrund der Besorgnis um “unsere”, “christliche” oder “biblische” Werte auch nur in die geringste Nähe zu Leuten zu kommen, die auf der Klaviatur solcher Werte eine ganz andere Sonate spielen.
Ein Teil des Problems liegt übrigens darin, dass viele Christen mit Rückzugsgefechten auf gesellschaftliche Entwicklungen reagiert haben, bis sie mit dem Rücken an der Wand standen, anstatt die Chancen und Möglichkeiten gesellschaftlicher Entwicklungen zu entdecken und aufzugreifen. Wer mit dem Rücken an der Wand steht, hat sich immer selbst dorthin gestellt. Gott stellt unsere Füße auf “weiten Raum” (Psalm 31,9).
Haso
Gesellschaft
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Danke für diesen Beitrag. Ich wollte nichts zu Eva H. schreiben und fand auch, Broder hat das gut gemacht. Wie konservative Christen geleimt werden, kann man ja in den USA beobachten: Weil Du (ein bißchen) gegen Abtreibung bist, unterstützen wir Deinen Krieg im Irak.
Und natürlich fanden viele in der Weimarer Republik verunsicherte Fromme, dass Hitler als vermeintlich (wie man heute sagen würde) “Wertkonservativer” eine “klare Position” vertritt, z.B. zum Thema Homosexualität. Hier in Bayern waren große Teile der Gemeinschaftsbedwegung auf Hitler hereingefallen (übrigens ein Thema, das idea auch nicht gern behandelt). Der Widerstand gegen die Nazis kam theologisch aus einer anderen Ecke – und das war kein Zufall.
Hm, sehr cooler Beitrag. Vor allem der Gedanke, ob Christen zur Hoffnung oder zur Untergangsstimmung berufen sind…
@peter: über den theologischen aspekt der verführbarkeit habe ich vor einiger zeit geschrieben:
Wer im Evangelium nur eine individuelle Heilslehre sieht, hat in der Krise keine politische Theologie, die es ihm ermöglicht, über die in Römer 13 gelehrte Folgsamkeit hinaus auch einen “prophetischen” Auftrag der Gemeinde [gegenüber der "Obrigkeit"] oder gar eine Verpflichtung zum Widerstand zu erkennen.
nur mit einer sowohl individuellen als auch gesellschaftlichen dimension unserer theologie sind wir vorbereitet. das zeigte sich im dritten reich.
@alex: herzlich willkommen. ja, furcht und besorgnis sind meist ein schlechter ratgeber, besonders in der beziehung der christen zu ihrem gesellschaftlichen umfeld.
Zuhören und selber denken ist nicht gefragt. Eva Herman ist weder rechtsextrem noch verharmlost sie die Familienpolitik der Nazis, sondern prangert diese eher an, ist nur in der freien Rede erstaunlich ungeschickt. Wenn man das Wortlautprotokoll von Kerners Sendung liest, dann möchte ich festhalten: Freispruch für Eva Herman. Aber eindeutig!
Danke für deine Stellungnahme. Eine Anmerkung dazu. Was mir nicht gefällt, ist der kausale Zusammenhang zwischen “Wohl für die Kinder und Frau zu Hause”. Das greift mir ehrlich gesagt etwas zu kurz. Ich kenne Familien, da würde ich mir von Herzen wünschen, dass die Kinder in einem Hort oder einer Kindertagesstätte sind, gerade weil Mutter oder/und Vater zu Hause sind. Dann gibt es Familien bei denen beide Eltern (Teilzeit-)arbeiten und den Kinder geht es sehr gut. Da liegen meiner Meinung die Dinge etwas tiefer und sind komplexer. Du hast ja in Punkt 2 auf andere Modelle hingewiesen, dies nur noch mal als Anmerkung.
@reinhard: erst mal willkommen an meiner tafel. zu eva hermann selbst kann ich, wie gesagt, mich noch nicht äußern. ich werde mir jedoch demnächst die aufzeichnung der kerner-sendung ansehen, um mir ein eigenes bild zu machen. meine anmerkungen zielten, wie ich geschrieben habe, in eine andere richtung.
@toby: gute ergänzung.
Grüße von Axel Nehlsen mit dem ich gerade auf einer Hochzeit bin…
@toby: Du kommentierst während einer Hochzeit?! Scheint ja nix los zu sein. Grüße an Axel.
@toby: und von mir grüße doch bitte mal den bräutigam.
sehr guter eintrag, haso. vielen dank für die freundliche erwähnung unseres familienmodells, das meiner ansicht nach viele leben. im alltag wird mir immer wieder bewusst wo dabei für mich die herausforderungen liegen und wo ich meinen eigenen ansprüchen nicht gerecht werde… wollte ich irgendwie dazu sagen.
es gibt meiner ansicht nach nicht DAS christliche lebensmodell, jeder der versucht das zu propagieren ist mir zunächst einmal suspekt. das gerede vom werteverfall finde ich darüber hinaus ebenfalls äußerst fragwürdig – wir könnten mit hoffnung leben und dabei auch nicht vergessen dass früher auch nicht alles besser war. wie ein wertkonservativer sagen würde „schluss mit lustig“ und dann haben wir vor lauter angst auch keinen grund mehr zu lachen. oh ich werde schon sarkastisch…
ich habe leider auch weder die herman-rede selbst, noch kerner gesehen. es gibt ja verschiedene stimmen zur sendung (und natürlich auch zur rede). zwei sachen finde ich dabei bemerkenswert: zum einen hat kerner dadurch finde ich den zeit-artikel zum parteilosen moderator ad absurdum geführt – er hat partei ergriffen und sich „wie ein richter“ in szene gesetzt – dadurch hat er auch etwas davon preisgegeben für was er steht, dafür bin ich dankbar. ein weiteres was ich an den sachen beachtenswert finde ist: es gibt in unserer gesellschaft eine gesetzmäßigkeit die positive bemerkungen zum dritten reich als undenkbar und dadurch inakzeptabel einstuft. manche hätten das gerne anders – siehe dein zitat – dies beunruhigt mich, auch wenn ich weiß dass damals nicht alles schlecht war – dennoch hatte diese zeit so immense auswirkungen, dass sie zum einen nicht einfach geschichte wird und vergessen werden kann und sollte und zum anderen meiner ansicht nach auch in den guten aspekten nicht als paradebeispiel herangezogen werden kann.
soweit. werde den kommentar »Abschicken« auch wenn er nicht zuende gedacht ist…
Irgendwie scheint bei dem Thema gerade jeder durchzudrehen … und nicht wirklich zu hören bevor man schreibt. Fast hätte ich das gleiche mit deinem Artikel getan …
Am Ende angelangt muss ich aber sagen: Guter Artikel.
Ob es auf den aktuellen Fall zutrifft mag ich bezweifeln.
Warum? Weil ich mit Herr Karger (Kommentar oben) übereinstimme, dass man der Herman da was ans Bein bindet, was da nicht hingehört. Da muss man schon fair sein.
Deshalb verbünde ich mich trotzdem nicht mit ihr. Vor allem weil ich die Art und Weise nicht so Pralle finde wie sie vorgeht … Aber ich lebe auch nicht auf der gleichen politischen Bühne.
Wie gesagt, ich hab nicht besonders viel für Frau Herman und ihre Mission … und diese Art von Bündnissen gegen die du schreibst.
Allerdings fand ich es schon sehr interessant wie die Jüdin Anna das Ganze wahrnimmt. Falls du den die Sendung dann doch noch guckst.
http://mittendrin.wordpress.com/2007/10/13/eva-herman-gegen-die-frauenbewegung/
Ob ich dann selbst was drüber schreiben würde, würd ich mir gut überlegen.
Liebe Grüße!
Noch ein Nachsatz, um nicht missverstanden zu werden.
>”Überlegen” deshalb, weil ich das nicht so gemacht hatte bzw. die Sache sich in eine Richtung entwickelt hat, die ich nicht beabsichtigt hatte …
> Der Hinweis auf dem Post von Anna vor allem wegen der Nazianschuldigungen.
[...] So stellt sich Haso gegen die Position der idea.de-Seite (siehe oben) mit deutlichen Worten (Link): Wir dürfen nicht vergessen, dass konservative Christen zu denen gehörten, die im Dritten Reich [...]