Oktober
2007
Erfahrungsbegriffe: Gewissheit
Ich weiß, dass Gott, mein Anwalt, lebt! (Hiob 19,25 GNB)
Es ist ein wesentliches Merkmal des biblischen Glaubens, dass er zur Gewissheit führt. Nähme man dem Glauben die Gewissheit, wäre er nicht mehr der Glaube. Die “Predigt des Evangeliums”, durch die er angeboten wurde, geschah “in dem Heiligen Geist und in großer Gewissheit” (1. Thessalonicher 1,5). Diese Predigt stellte in Aussicht:
“So wisse nun … gewiss, dass Gott diesen Jesus … zum Herrn und Christus gemacht hat” (Apostelgeschichte 2,36).
Gewissheit war eng verbunden mit dem Geschenk des Heiligen Geistes: “Wir aber haben … den Geist aus Gott empfangen, dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist” (1. Korinther 2,12). Solche Gewissheit kann wechselhaft sein, oft umkämpft und immer noch steigerungsfähig, denn Paulus “kämpfte” dafür, dass “ihre Herzen gestärkt und zusammengefügt werden in der Liebe und zu allem Reichtum an Gewissheit” (Kolosser 2,2). Doch es bleibt dabei – nach der Bibel ist jemand, der im Glauben lebt, ein Mensch mit Gewissheit. Er “weiß, an wen er glaubt” (1. Timotheus 1,12).
In der Geschichte wurde aus dieser Gewissheit jedoch ein “Lehrbegriff”. Sie beruhte auf der Autorität der Kirche, deren Lehre die Wahrheit garantierte. Als diese Autorität ins Wanken geriet, suchte man Gewissheit durch den Besitz “absoluter Wahrheit”. Man erstrebte sie
- durch Beweise – seien es Vernunftbeweise (wie die vielfältigen Versuche von “Gottesbeweisen”), seien es Schriftbeweise (die besonders in dem Teil der Christenheit beliebt wurden, dem die Bibel hauptsächlich ein Steinbruch für Belegstellen war);
- durch Festschreiben – die “Wahrheit” wurde in Dogmen konserviert und per Katechismus nachfolgenden Generationen vererbt. (Gewissheit bestand im wesentlich darin, von den “richtigen” Lehrsätzen überzeugt zu sein.)
Dieses Streben nach “absoluter” und “unveränderlicher” Wahrheit ist eigentlich schon durch seinen geschichtlichen Misserfolg widerlegt. Kein Teil der Christenheit hat sich öfters über Glaubensfragen gespalten als der, der die “Orthodoxie” definieren und bewahren wollte. Wo die Christenheit sich bemühte, “apostolisches Urchristentum” wiederherzustellen, boomte die Gründung neuer Konfessionen, die allemal noch “urchristlicher” sein wollten als ihre Vorgänger.
Nun kommt zu alledem die “Postmoderne” und stellt die Existenz (oder zumindest die Erkennbarkeit) “absoluter Wahrheit” in Frage, indem sie darauf hinweist, dass alles Erkennen geschichtlich und kulturell bedingt ist – und somit zwangsläufig relativ und subjektiv. Jetzt wird es brenzlig für die christliche Gewissheit – oder?
Ich will nicht leugnen, dass die Postmoderne ihren Beipackzettel mit “Risiken und Nebenwirkungen” hat. (Aber den hatte die Moderne auch schon.) Es gibt die Gefährung der Gewissheit durch den Zweifel und durch die Beliebigkeit. Wenn alle Beweissicherungsverfahren scheitern – woher “weiß” ich dann, an wen ich glaube? Wenn mein Denken geschichtlich und kulturell bedingt ist – wie kann ich “gewiss” sein, dass ich nicht auf dieselbe Weise Christ bin, wie Ahmed Moslem und Rajiv Hindu ist?
Aber eigentlich stellt die “Postmoderne” für die christliche Gewissheit (und für den Glauben allgemein) eine neue Chance dar. Sie mag dem dogmatischen Denken sehr fern stehen, aber sie steht dem biblischen Denken näher als manche vorangegangene Epoche. Sie hat nämlich wieder ein Gespür dafür bekommen, dass zentrale christliche Begriffe keine “Lehr-”, sondern “Erfahrungsbegriffe” sind.
Christliche Gewissheit ist nicht das Ergebnis eines Beweises, sondern einer Begegnung. Sie wurde in biblischer Zeit nicht durch Argumente, sondern durch Erzählungen überliefert. Es war die “Gotteserfahrung”, die gewiss machte – neben spektakulären Theophanien oder Erscheinungen des “Auferstandenen” vor allem der Empfang des Heiligen Geistes.
Es gibt Gewissheit, aber diese Gewissheit ist kein Produkt, das man “am grünen Tisch” erzeugen könnte. Mancher wird von ihr überrascht – wie der Mann, der am hellichten Tag in einen Schatz stolpert (Matthäus 13,44). Ein anderer muss lange nach ihr suchen – wie der Mann, dessen Leben darauf ausgerichtet war, “gute Perlen zu suchen” (Matthäus 13,45-46).
Wir sind zu faul geworden, Gott zu “suchen”. Wir erwarten, dass er selbst erscheint, wann immer wir ihn herbeirufen, oder dass jemand ihn uns in der Gemeinde mundgerecht serviert, den wir dafür bezahlen. Doch so wahr “Gewissheit” eine zentrale biblische Verheißung ist, so wahr ist “Gott suchen” ein zentrales biblisches Gebot. Gott versteht es, sich finden zu lassen, wenn man ihn “von ganzem Herzen sucht”, aber Gott versteht es auch, sich zu verbergen, wenn man ihn “billig” haben will.
Die Wiederherstellung der Gewissheit des Hiob war nicht das Ergebnis der argumentativen Bemühungen seiner Freunde. Sie war das Ergebnis einer Gotteserfahrung.
Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen [Gott als "Lehrbegriff"]; aber nun hat mein Auge dich gesehen [Gott als "Erfahrungsbegriff"]. (Hiob 42,5)
Solche Gewissheiten sind die Anfechtung wert, die ihnen bisweilen vorausgeht.
Haso
Hasos Glaube
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Hallo,
Dieser Artikel begeistert mich, und macht mich nachdenklich.
Wen ich mit Geschwistern rede ist mir dieser Ansatz wichtig,
Wenn der Teufel mit mir redet bin ich Dogmatiger.
Als Nichtchrist (vor 28 Jahren) hatte ich durch Medditation jeden Bezug zu einer verbindlichen Wahrheit verloren.
Als ich Jesus kennenlernte. empfand ich dogmatische Wahrheiten die man mir damals lehrte als Geschenk.
später erkannte ich die Grenzen von Wahrheit, die nicht im Herzen brennt.
Für mich ist es immer noch wichtig ein theologisches Grundgerüst zu haben.
Im großen und ganzem orientiere ich mich seit über 20 Jahren an der Glaubensbewegung (und an meiner Frau*g*)
Aber auch Wahrheiten die theologisch unumstritten sind, müßen im Herzen Feuer fangen.
Die Dogmen die ich glaube sind Hilfsmittel wie mein Verstand, aber ich verlasse mich auf dem Herrn.
Ich frage mich immer wieder was meine Lehre ist der ich glaube. Habe ich da ein genaues Bild davon?
Röm 6,17
Helmut
Du sprichst mir aus der Seele. Danke!
“Erfahrungsbegriff” ist ein gutes Wort dafür, besonders wenn ihm der “Lehrbegriff” gegenüber gestellt wird. Ich suche immer nach solchen Worten, von daher: “besten Dank, Herr HaSo!”