Dezember
2007
Emergent Healing
“Ich bin der Herr, der euch heilt!” Diese Selbstbezeichnung Gottes (aus Exodus 15,26) steht in einem gewissen Missverhältnis zur aktuellen Heilungserfahrung vieler Christen. Trotz zahlloser Konferenzen, Bücher, Seminare, Predigten und Gottesdienste über Heilung ist die “Ausbeute” nicht berauschend. Das hat mich veranlasst, eine Zeitlang zu diesem Thema auf meinem Blog und auch sonst zu schweigen und grundsätzlicher darüber nachzudenken.
Wenn über viele Jahre ein Verfahren nicht den gewünschten Ertrag gebracht hat, ist nicht mehr die Verdoppelung der Anstrengungen gefragt, sondern das Verfahren als solches auf den Prüfstand zu stellen. Sind Heilungskonferenzen, Heilungsbücher, Heilungsseminare, Heilungspredigten und Heilungsgottesdienste der Königsweg zur Erfahrung der Kraft Gottes? Jesus hat keine Heilungskonferenz durchgeführt, kein Heilungsbuch geschrieben, kein Heilungsseminar gelehrt, keine Heilungspredigt gehalten und keinen eigentlichen Heilungsgottesdienst veranstaltet. Die Leute kamen einfach, um sich heilen zu lassen.
In meiner Zuversicht, Heilung in größerem Stil und Maß zu erleben, setze ich meine Hoffnungen inzwischen (auch) auf anderes – z.B. auf Nichtchristen, Esoteriker, Nonkomformisten, missionale Christen und was sonst so emergiert.
1. Ich setze meine Hoffnung auf Nichtchristen
Für Jesus waren die am schwersten zu heilen, die (1) ihn am längsten kannten oder (2) die Schrift am besten kannten. Den Leuten von Nazareth gelang es, ihn durch das Ausmaß ihres Unglaubens zum Erstaunen zu bringen; den Theologen seiner Zeit gelang es, ständig nachzuweisen, dass seine Heilungen nicht schriftgemäß waren. Einem römischem Hauptmann dagegen gelang es, Jesus durch seinen Glauben zum Erstaunen zu bringen; einer syrophönizischen Frau (im Evangelium “kanaanäisch” genannt, um zu verdeutlichen, dass sie ihrer Herkunft nach dem Gott Israels so fern wie nur denkbar stand) gelang es, einen bereits ausgeschlagenen Wunsch nach Heilung doch noch erfüllt zu bekommen.
Der ersten Gemeinde ging es ähnlich. Heilungs-Durchbrüche geschahen anfänglich im Volk und unter den sozial benachteiligten hellenistischen Juden, später unter Leuten wie der abergläubischen, heidnischen Bevölkerung von Melitene (Malta), aber nicht in der religiös geprägten Szene.
John Wimber bemerkte einst, es sei am einfachsten, für Nichtchristen um Heilung zu beten, und am schwersten, Evangelikale und Anhänger der Glaubensbewegung zu heilen. Auf der “Tu’s einfach”-Konferenz in Speyer Anfang Oktober war ich besonders durch den Bericht eines jungen Pastors aus Nord-Irland berührt, der eine dramatische Zunahme an Heilung erlebte, als sie damit auf die Straße und an die Hecken und Zäune (alias Sinti und Roma) gingen. Bill Johnson, der Hauptredner dieser Konferenz, lehrt seit Jahren, dass die Gemeinde nur solche Dinge behalten (oder erst einmal erhalten) wird, die sie außerhalb ihrer Mauern praktiziert. Für eine Zunahme an Heilung brauchen wir religiös unverprägte Nichtchristen.
2. Ich setze meine Hoffnung auf Esoteriker
Den wohl größten Heilungs-Boom seiner Missionstätigkeit erlebte Paulus in Ephesus. Dort kamen anschließend “viele, die Zauberei getrieben hatten” und verbrannten öffentlich ihre okkulten Bücher und Gegenstände. Solch einen Durchbruch hatte es nicht in Athen gegeben, der verkopften Stadt der Antike, sondern eben in Ephesus, einer Hochburg zweifelhafter volksreligiöser Aktivitäten, deren Anhänger man als die Esoteriker der damaligen Zeit bezeichnen könnte.
Wer als Nichtchrist den Zugang zur übernatürlichen Welt gefunden hat, hat es nach einer Begegnung mit Jesus manchmal leichter, sich den guten Kräften des Heiligen Geistes zu öffnen (und die Tür für einige andere Kräfte zu schließen). Wer jedoch eher in intellektuellen oder materialistischen Sphären zu Hause war, kann es auch als Christ schwer haben, den Zugang zur Welt des Geistes zu finden.
Gegenwärtig gibt es eine große Offenheit unter Esoterikern für Erfahrungen mit Jesus und mit dem Heiligen Geist. Christen, die sich diesen Menschen in geeigneter Form zuwenden, berichten davon. In meinem Umfeld kenne ich ein Ehepaar, die vor einigen Jahren noch als esoterische Heilpraktiker firmierten, dann Jesus kennenlernten, Stück für Stück alles “Heidnische” aus ihrem Denken und ihrer Praxis entfernten und nun im Namen des Herrn “paranormale Therapie” anbieten.
3. Ich setze meine Hoffnung auf mutige Nonkomformisten
Im Sinne etablierter jüdischer Frömmigkeit und Tradition war Jesus ein Nonkonformist. Aber dieser Außenseiter konnte heilen wie niemand sonst. Dabei verbreitete Jesus keine ausgefeilte Heilungslehre und lud auch nicht zur Heilung ein. Von sich aus initiierte Jesus nur sehr wenige Heilungen, und diese meist politisch inkorrekt am Sabbat. Er ging nicht herum und bot jedermann Heilung an. Aber wenn er sich in einem Krankenhaus wie dem am Teich Bethesda aufhielt, konnte es passieren, dass er plötzlich spürte, wie sein Vater im Leben eines langjährig Erkrankten ein Zeichen setzen wollte. Dann ging er hin, tat, was er seinen Vater tun sah, und heilte den Kranken. Diese vereinzelten Signale sorgten dann dafür, dass die Volksmassen sich zu ihm drängten, um auch geheilt zu werden.
Ähnlich geschah es in der ersten Gemeinde. Auf dem Weg zu einem Gebetstreffen heilten Petrus und Johannes einen Bettler. Bald darauf kam das ganze Umland, um sich heilen zu lassen. Paulus heilte auf Melitene (Malta) den Vater eines Großgrundbesitzers, und anschließend kam die ganze Insel, um gesund zu werden.
4. Ich setze meine Hoffnung auf missionale Christen
Von einem Mann namens Stephanus wird in der Apostelgeschichte berichtet, dass er in der Gemeinde “einen guten Ruf” hatte und “voll Heiligen Geistes und Weisheit” war – mehr nicht. Dann wurde er zum Dienst an den Armen der Gemeinde bestellt, meist hellenistische Juden. Diese lebten in ihren Communities in bestimmten Vierteln der Stadt Jerusalem. Als Diakon kam Stephanus in ihre Wohngebiete (genannt werden die Quartiere der Libertiner, Kyreäner, Alexandriner und einige andere) und lebte unter ihnen. Er kam auf Tuchfühlung mit ihren Nöten, die oft nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch gesundheitlicher Natur waren. Etwas kam über ihn, und aus dem Mann “voll Geist und Weisheit” wurde ein Mann “voll Gnade und Kraft”, der “große Zeichen und Wunder tat”.
Die Quelle der Wunder sprudelt nicht im frommen Ghetto, sondern in den Quartieren der Bedürftigen der Stadt.
5. Ich setze meine Hoffnung auf die postmoderne Gemeinde
Die Moderne hat uns verkopft. Sie hat unser Denken so geprägt, dass wir ständig analytisch und synthetisch denken. Damit meine ich, dass wir alle möglichen Vorgänge untersuchen, die darin wirkenden Prinzipien und Kräfte ermitteln, und anschließend versuchen, aus diesen Erkenntnissen dieselben Vorgänge synthetisch zusammenzusetzen. In der Tat gewinnt man so Nobelpreise: man erforscht die Vorgänge in der Natur, bis man sie so gut verstanden hat, dass man sie im Labor-Experiment wiederholen kann. So gewinnt man aber keinen Heilungsdienst. Ich habe an anderer Stelle bereits ausgeführt, dass dieses analytisch-synthetische Denken für den Glauben untauglich ist.
Die postmoderne Gemeinde (und Kultur) wäre an dieser Stelle keine Hoffnung, wenn sie die moderne Verkopfung durch eine alternative Verkopfung ersetzt und Ende nur eine theoretischen und theologischen Absolutismus gegen einen theoretischen und theologischen Relativismus ausgetauscht hätte. Ich erhoffe mir von ihr, dass sie die Verkopfung überwindet und zu einer ganzheitlichen Erkenntnis zurückfindet, bei der Intuition, Phantasie und andere Formen spontanter, nicht abgeleiteter Erkenntnis genau so ihren Platz haben wie der Kopf.
Ein Beispiel: Die “blutflüssige Frau”, die von Jesus geheilt wurde, wäre nie geheilt worden, wenn sie es auf die Art versucht hätte, wie viele es heute versuchen. Dann hätte sie sich gesagt: “Ich muss jetzt meinen Glauben aufbauen. Also muss ich erst Berichte über Heilungen anderer hören, denn der Glaube kommt aus dem Hören. Weiter besteht der Glaube aus Überzeugungen im Herzen und wird durch ein Bekenntnis mit dem Munde wirksam. Also gehe ich hin zu Jesus und bekenne unterwegs die ganze Zeit, dass ich im Glauben schon geheilt bin. Außerdem muss der Glaube noch durch Werke lebendig werden. Also werde ich als äußerer Ausdruck meines Glaubens Jesus berühren.”
Sie verhielt sich zwar so, aber ohne diesen karikierten inneren Monolog. Sie arbeitete kein Glaubens-Programm – mit Flussdiagramm – ab, das sie in ihrem Kopf gespeichert hatte, sondern folgte spontanen Äußerungen ihres Herzens. Wir sind zu diesen spontanen Äußerungen in Glaubensdingen kaum noch fähig. Kann die Postmoderne uns da helfen? Besser gefragt: Wird Gott die Postmoderne gebrauchen, um uns von dieser Unfähigkeit zu spontanem Glauben zu erlösen? Ich hoffe es.
Haso



ja. ich hoff das auch.
Nach dieser Analyse bin ich nämlich als unheilbar einzustufen.
((links-)evangelikal (?), verkopft, analytisch, kritisch, … )
Immerhin glaube ich wenigstens noch, dass Jesus trotzdem mit mir was anfangen kann.
@micha: unheilbar ist nie. kritisch schadet nix. links ist schon so gut wie missional. gute prognose für dich.
Hey Haso,
ich finde deine Gedanken und Beobachtungen zu diesem Thema echt super und hilfreich. Danke
[...] Hasos Tafel » Emergent Healing (tags: Blogs HaSo) [...]
Schön, dass es noch solche Hoffnungen gibt. Auch bei mir will der Glaube an eine “andere” Gemeinde/Kirche einfach nicht sterben…
Vielleicht sind wir auch einfach zu “rezeptsüchtig” oder “rezeptgläubig”? Wenn Renate Mustermann auf diese und jene Weise geheilt wurde, muss das immer so ablaufen. Genau das passiert dann nicht…
[...] ist ihr spielerischer und selbstkritischer Umgang mit Themen wie z.B. göttliche Heilung. Genau wie Haso entkrampfte mich Alyn mit der Erkenntnis, dass Nichtchristen oft weniger Probleme mit göttlicher [...]