11
Dezember
2007

Helfen uns immer neue Treibjagden auf neue Bewegungen

Gestern habe ich kommentarlos auf die jüngste Emergent-Kritik von idea und die Replik der Initiatoren des Emergent Forum verlinkt. Mehr hielt ich nicht für nötig. Wer Augen hat, zu lesen, der lese. (Gefreut habe ich mich über den einen oder anderen Kommentar auf der Emergent Deutschland Webseite, besonders über einen aus Berlin.)

Doch dann lese ich, dass anscheinend aus mehr Kanonen mit unterschiedlicher Reichweite geschossen wird, und greife doch noch einmal in die Tasten. “Helfen uns immer neue Bewegungen?”, wurde in dem zitierten Artikel gefragt. Man hätte auch fragen können: “Helfen uns immer neue Gezeiten, Sonnenaufgänge und Jahreszeiten?” Ja, sie helfen uns. Oft wird verächtlich von “Wellen” gesprochen, aber wer jemals gesurft ist – ich meine nicht im Internet -, weiß, dass man nur mit Wellen vorankommt.

Was uns nicht hilft, ist, immer wieder auf jede neue Bewegung mit der alten Hatz zu reagieren. Als die Pfingstbewegung aufkam, war es “der Geist von unten”. Heute ist ein Drittel der Weltchristenheit direkt oder indirekt von dieser Bewegung geprägt, und es ist nicht das unfruchtbarste Drittel. Als die Charismatische Bewegung aufkam, was es “der Schwarmgeist”. Dass ich mich – nicht ohne persönliche Blessuren – von diesem Schwarmgeist infizieren ließ, war nach meiner Bekehrung die gewinnbringendste Entscheidung meines Lebens. Als Willow Creek aufkam, wurde die “Vermarktung des Evangeliums” gegeißelt. Mir hat Bill Hybels in einer Zeit, als ich im frommen Elfenbeinturm saß, neu die Augen dafür geöffnet, dass es eine Welt außerhalb der Gemeinde gibt. Als die Volxbibel veröffentlicht wurde – daran können sich auch die Jüngeren erinnern – wurde wieder zur Treibjagd geblasen. Inzwischen hat diese “gotteslästerliche” Bibelübersetzung den Namen Gottes an nicht mehr zu zählende Orte getragen, wo er sonst nicht mehr genannt worden wäre.

Nun kommt die Emerging Conversation und tut nichts anderes, als nach Wegen zu suchen, wie das Evangelium in einer sich verändernden kulturellen und gesellschaftlichen Landschaft gelebt und mitgeteilt werden kann. Es müsste ja mit seltsamen Dingen zugehen, wenn da nicht der homo criticus erneut sein Schwert aus der Scheide holt und die Klinge wetzt. Sicher gibt es legitime, faire und sachgemäße Kritik. Auch untereinander sind wir ja nicht in allem einer Meinung. Aber ich fürchte, dass manchen meiner Emerging Friends die illegitime, unfaire und unsachliche Kritik heimsuchen wird. Wenn dann die frostigen Worte fallen, mag es hilfreich sein, sich an einigen Reimen von Reinhard May (aus “Mein achtel Lorbeerblatt”) zu wärmen.

Mit großer Freude sägen
Die einen an meinem Ast,
Die andern sind noch am Überlegen,
Was ihnen an mir nicht paßt,
Doch was immer ich tuen würde,
Ihre Gunst hätte ich schon verpatzt,
Also tu’ ich, was ein Baum tun würde,
Wenn ein Schwein sich an ihm kratzt.
Und ich bedenk’ was ein jeder zu sagen hat,
Und schweig’ fein still,
Und setz’ mich auf mein achtel Lorbeerblatt
Und mache, was ich will.

Es gibt noch ein paar Leute,
Und an die hab’ ich gedacht,
Für die hab’ ich meine Lieder
So gut es geht gemacht,
Die beim großen Kesseltreiben
Nicht unter den Treibern sind.
Solang mir ein paar Freunde bleiben,
Hängt meine Fahne nicht im Wind.
Und ich scher’ mich den Teufel um Goliath,
Und schweig’ fein still.
Habt Dank für das achtel Lorbeerblatt,
Auf dem ich tun kann, was ich will.

12 Kommentare

  1. Andi Blum:

    Danke Haso!

    Du schaffst es immer wieder meinen Gefühlen Worte zu verleihen.

    Liebe Grüße aus dem Westerwald.

  2. [depone] | Daniel Ehniss » Blog Archive » Umgang mit Kritik:

    [...] — Artikel zum Thema: Helfen uns immer neue Bewegungen? [idea] Offener Brief an Helmut Matthias [Koordinatoren von Emergent Deutschland] Helfen uns immer neue Treibjagden auf neue Bewegungen? [Haso] [...]

  3. Wegbegleiter:

    Treibjagden sind im christlichen Sektor beliebt und besonders perfide, weil unter dem Deckmäntelchen der Verteidigung des “rechten” Glaubens. Treibjagden sind und bleiben aber antichristliche Angriffe und sind meist eher Geist von unten als das eigentliche Objekt der Verfolgung. Konstruktive Kritik ja – Treibjagden mit Stereotypenbildung nein! Da hilft auch kein “die meinen es ja nur gut, indem sie so hinterfragen!” – das ist auf demselben Niveau wie: “der will doch nur spielen…”

  4. storch:

    aber ist es denn echt so schlimm? ich lese nur hier und da mal eine kritische bemerkung, aber im grossen und ganzen scheint es mir als distanziertem beobachter gerade ganz schön ruhig zu sein.

  5. Haso:

    @ storch: ein ganz so heftiges gewitter, wie es seinerzeit über die volxbibel hereinbrach, sehe ich derzeit noch nicht. aber es braut sich etwas zusammen, und die ersten blitze zucken schon. mal sehen, was geschieht, wenn die conversation richtig in den gemeinden ankommt.

    ich würde mich freuen, wenn sich meine solidaritätsbekundung nach einiger zeit als überreaktion erweisen und der himmel schnell wieder aufklaren würde zu einem (auch kontroversen) gespräch im sonnenschein.

  6. ZziissyY:

    Ich finde, dass du Recht hast. Immer wieder sind gute, geistliche Bewegungen boykottiert worden und sind im Nachhinein auch als gut befunden worden.

    Nur ist es wichtig, auch zu wissen, dass es genügend Bewegungen sind, die nicht vom Heiligen Geist sind. (interessanterweise oft die “akzeptierten” Bewegungen.)

    Es gibt auch viele Menschengemachte “bewegungen”. Zum Beispiel, wo die Leute alle plötzlich Lobpreis machen wollen, obwohl der Geist was anderes will. Man muss einfach gucken, was dran ist.

    ich habe auch schonmal erlebt, dass der Heilige Geist mich in eine Aktion gerufen hat, und kurzerzeit gab es auch eine Bewegung, die genau das praktizierte, was der HeiligeGeist mir zuvor beigebracht hat.

    Es ist einfach wichtig, nicht der großen Masse hinterherzulaufen, sondern dem Heiligen Geist zu folgen. Wenn man wirklich auf die Stimme des Geistes hört, wird man auch dort hin gelangen, wo man hingehört… und selbst wenn wir mal nicht richtig hinhören, oder uns verhören, weiß Er doch, dass wir Menschen sind und er wird uns früher oder später an den richtigen Ort leiten, wenn wir offen für Ihn und Sein Wirken sind.

    Hatte so das Empfinden, dass ich das hier erwähnen soll. :)

    Gruß
    Zissy

  7. Stefan Waidele:

    Das Problem bei den “neuen Wellen” ist, dass deren Anhänger in der Begeisterung oft denjenigen, die (noch?) nicht mitsurfen ebenso den “rechten Glauben” absprechen wie umgekehrt. Ich darf das schreiben – ich war schon bei beiden Seiten mit von der Partie :)

    Aufgrund der empfundenen Wichtigkeit des Themas – immerhin geht es anscheinend um das Seelenheil der Beteiligten – kochen dann die Emotionen auch sehr schnell hoch.

    Und dann gerät schnell in Vergessenheit, dass “Glauben und Bekennen” zur Errettung notwendig sind und nicht die äußere Formgebung ausschlaggebend ist.

    Die Sache mit dem “Urteilen” ist für Kritiker und Kritisierte nicht wirklich einfach.

    Aber wie Du gesagt hast: Lasst uns kein Gewitter herbeireden.

  8. Don Ralfo:

    Eine schöne große Treibjagd erschafft auch viel Aufmerksamkeit und Interesse für die gejagte Bewegung!
    Ich habe immer schon gern die Dinge getan, vor denen meine Mutter mich gewarnt hatte ;-) )
    Wenn die Treibjagd aufhört, dann ist der Tod im Topf, weil sich auch nix mehr wirklich bewegt.

  9. denkpause:

    Ich mag den Reinhard May … hab schon als Kind seine Lieder immer sehr gern und oft gehört …

  10. »Ich denk’ es war ein gutes Jahr« - Rückblick 2007 » Der Sämann » Blog Archiv » »Ich denk’ es war ein gutes Jahr« - Rückblick 2007:

    [...] passieren lasse, dann fällt mir zuerst der Titel eines Liedes ein, das Reinhard Mey (den ja auch Haso kürzlich treffend zitiert hat) bereits 1967 veröffentlichte: »Ich denk’ es war ein gutes Jahr«, das jetzt in seinen [...]

  11. Strassenpastor:

    In letzter Zeit habe ich mich etwas im Internet umgetan. Und jetzt schwirrt mir der Kopf. Vorher dachte ich, ich sei Christ, der wirklich für Jesus leben will. – Jetzt quälen mich Selbstzweifel, in welche Schublade ich denn nun gehöre. – Bin ich ein missionaler Hauskreismensch, so meine erste Vermutung? Vielleicht nur ein normales Gemeindemitglied oder gehöre ich in die Schublade „Hauskirche“. Oder bin ich eher ein emergenter, postmoderner Zeitgenosse. Die Reaktionen der VERTRETER waren nicht besonders ermutigend: Irgendeine Qualifikation oder ein kleines Spezial-Bekenntnis schienen mir immer zu fehlen. – Sogesehen hat jeder “Theorem -C r e i s” seine eigene kleine Treibjagd am Laufen!

    Da ich von dieser Verwirrung eigentlich genug habe, wende ich mich wieder dem Gebet zu und spreche verstärkt mit Menschen, die Jesus noch nicht kennen und versuche Menschen da „abzuholen“ (hieß es so nicht einmal?), wo sie gerade sind. Dies scheint mir der einzige Ausweg aus der “Qualifikationshölle” bzw. der “kuscheligen Höhle” in christlichen, exklusiven „C r e i s e n“. Ich bin nun mal nur eine „Simple Person“ und Christ.

  12. Strassenpastor:

    ganz vergessen zu sagen – und um für mich den Gedankengang endgültig zu schliessen – Viele Treibjagden lenken vor allem von einem Umstand ab: Dass die meisten keine Lust haben, Nichtchristen real zu begegnen. Lieber streiten sich die Jäger und Gejagten und übertünchen so die eigene Unlust und Wirkungslosigkeit. Lieber bildet jede Gruppe – in den eigenen Trachten gekleidete – Fischer aus, als selbst fischen zu müssen …

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