6
März
2008

Die Stadt als Sakrament

In seinem Buch Licht der Sonne, Glanz des Feuers schreibt Peter:

Als Kind hörte ich oft kritische Bemerkungen über Menschen, die nicht in den Gottesdienst, sondern lieber in den Wald gingen. Natürlich ist das kein Entweder-Oder, Gott in der Schöpfung oder in der Gemeinschaft mit anderen Christen zu begegnen …

… schloss ich daraus irgendwie, dass Gott nicht im Wald wohnt, in den ich so gern ging. Oder in den Bergen, am Meer, an den kleinen Bächen und großen Flüssen … Ein Theologiestudium, in dem sich alles um “das Wort” dreht, wirft in dieser Hinsicht auch wenig Inspiration ab. Und doch konnte ich es mir nicht erklären, warum eine Wanderung im Grünen eine zutiefst heilsame und entspannende Wirkung auf mich hatte, warum großflächige Zerstörung der Landschaft mich mit Schmerz erfüllte … Ich hatte keine Vorbilder, die die Liebe zu Gott und zur Natur in einen sinnvollen Zusammenhang brachten.

Peter führt dann weiter aus, dass gerade dieser Zusammenhang wesentlich für die Spiritualität keltischer Christen war. Sie standen in guter biblischer Tradition. Man kann nicht die Psalmen lesen, ohne zu erkennen, wie nahe sich ihre Verfasser Gott in der Natur fühlten. Und ohne auf die theologischen Fragen nach den Möglichkeiten und Grenzen “natürlicher Gotteserkenntnis” einzugehen, darf hier der Hinweis auf die klassische Aussage in Römer 1,20 nicht fehlen:

Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird seit der Schöpfung der Welt ersehen aus seinen Werken, wenn man sie wahrnimmt.

Die Natur ist jedoch nicht der einzige “sakramentale Bereich” dieser Welt. An anderer Stelle wird folgende Äußerung des Paulus überliefert:

Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen,
damit sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns. (Apostelgeschichte 17,26-27)

Nicht nur die Natur, deren Erschaffung in der Areopagrede ebenfalls thematisiert wird, sondern auch die Siedlungs- und Wohngebiete der Menschen sind als sakramentaler Kontext gedacht, innerhalb dessen die Menschen Gott “suchen, fühlen und finden” sollen. “Die Geschichte Gottes mit den Menschen beginnt in einem Garten und endet in einer Stadt”, lautet eine bekannte Aussage. Die Natur ist Ausdruck Gottes als des Schöpfers, die Stadt ist Ausdruck Gottes als eines sozialen Wesens.

In der jetzt noch “jenseitigen” Welt Gottes, die “am Ende” mit unserer sichtbaren Welt wiedervereinigt werden wird, gibt es denn auch “Paradies” (Natur) und “himmlische Stadt”. In den Psalmen ist nicht nur die Rede von Gotteserscheinungen in Sturm und Wetter, sondern ebenso davon, dass “Gott bei ihr – der Stadt – drinnen” ist (Psalm 46,6).

Städte sind gedacht als Räume, in dem man Gott begegnen und nahe sein kann, Bereiche voller spiritueller Intensität. Der unerlöste Charakter unserer Städte ändert daran ebenso wenig, wie der unerlöste Charakter der Schöpfung das Lob des Schöpfers verhindert. Beides ist eher Verheißung als Einschränkung. Die Schöpfung wird “frei werden zu der Freiheit der Kinder Gottes” (Römer 8,21) – wird in die ungebrochene und uneingeschränkte Unmittelbarkeit zu Gott zurückkehren. Die Städte dieser Welt werden ihre Erfüllung finden, wenn “die heilige Stadt aus dem Himmel herabkommen wird” (Offenbarung 21,2) – als “geschmückte Braut”, wie sie in apokalyptischer Sprache genannt wird, wodurch, ähnlich wie durch die “Kindschaft” der Schöpfung, eine unvorstellbar nahe Beziehung zwischen Gott und Stadt bezeichnet wird.

Aus dem allen ergibt sich, dass die Pflege der Natur und die Pflege der Stadt Teile wahren Gottesdienstes sein können. Und weil jetzt schon der Geist als “Anzahlung” (Epheser 1,14) auf zukünftige Herrlichkeit gegeben worden ist, ist damit zu rechnen, dass zukünftige Herrlichkeit jetzt schon zeichenhaft in Natur und Stadt sichtbare Vorboten hat. Im Bereich der Schöpfung zeigt sich das in Natur-, Heilungs- oder Versorgungswundern, aber auch in besonderem “Segen”, den Christen aus “Naturvölkern” so häufig in ihren “natürlichen” Lebenszusammenhängen erleben. Im Bereich der Stadt zeigt sich die “Anzahlung” auf zukünftige Verheißungen, wenn schon jetzt durch Gebet und Tat soziale Nöte überwunden, finstere Orte mit neuer Hoffnung erfüllt und Städte “transformiert” werden. (An dieser Stelle weise ich auf den Marburger Studientag “Gesellschaftstransformation” am 10. April hin.)

“Die Erde – mit ihrer Natur – ist des Herrn und die darauf wohnen – in ihren Städten” (Psalm 24,1). Nachdem ich Gott im “Kämmerchen” begegnet bin, treffe ich ihn überall in meiner Stadt. Berlin ist eine spirituelle Zone. Immer wieder erlebe ich Gottes Nähe, wenn ich in der Stadt unterwegs oder aktiv bin – manchmal intensiver als in sprituellen Veranstaltungen. Die Stadt kann ein Sakrament sein – für den, der Gottes Herz für die Stadt und ihre Bewohner entdeckt.

1 Kommentar

  1. Peter:

    Schöner Gedanke, die Integration von Natur und Kultur im neuen Jerusalem :-)

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