7
Januar
2010

Mustafa

Günter berichtete kürzlich davon, wie er einem KFZ-Mechaniker von ungewöhnlicher Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft begegnete, allerdings nicht in Berlin, sondern irgendwo in der westdeutschen Provinz. Das erinnerte mich an einen ähnlich gesinnten Ladenbesitzer, den ich vor vielen Jahren ebenfalls in fernen Landen kennenlernte – in Izmir/Türkei, um genau zu sein.

Ich begleitete eine Bus-Tour, und in besagter Stadt fehlte uns die Übersicht (oder der Stadt mangelte es an Übersichtlichkeit). Wir fanden unseren Weg nicht und hielten an einem kleinen Elektroladen. Dort fragte ich den Besitzer, wie wir aus der Stadt kämen, und erhielt mehr als die erbetene Auskunft. Er stellt sich als “Mustafa” vor, Tee war bestimt auch im Spiel, und schließlich machte er seinen Laden dicht, stieg zu uns in den Bus und lotste uns aus der Stadt. Gewisse Deutschkenntnisse, die er bei einer vorübergehenden Arbeitstätigkeit in unserem Land erworben hatte, waren vorhanden, und so konnten wir auf der Tour etwas mehr über ihn erfahren.

Am Stadtrand stieg er aus, winkte uns fröhlich zum Abschied und machte sich auf den nicht unerheblichen Fußweg zurück zu seinem Geschäft. Mustafa war mein Freund geworden, denn nur Freunde tun für einen, was er für mich tat. Deshalb hatte ich mir noch seine Karte geben lassen, um mit ihm in Kontakt zu bleiben. Von zu Hause schrieb ich ihm, bedankte mich noch einmal und setzte unsere Konversation fort.

Wie gesagt, Mustafa war mein Freund geworden, und ich wollte, dass mein Freund den kennengelernt, der mehr als mein Freund ist: Jesus. Dabei ging ich so behutsam vor, wie ich freundschaftsevangelistisch unterwiesen war: Nicht mit der Tür ins Haus fallen, zuerst die Beziehung vertiefen … So beschränkte ich mich im ersten Brief darauf, in meinen Gruß ein “Gottes Segen” einfließen zu lassen.

Mustafa war Moslem und hatte ähnlich gute Absichten mit mir. Allerdings ging er weniger behutsam vor. Seine postwendende Antwort enthielt eine islamische Missionszeitschrift in deutscher Version, die mir den Glauben an Allah nahelegte, plus persönlichem Begleittext. Dies war der Beginn eines Briefaustausches, bei dem die missionare Bereitwilligkeit beiderseits groß war, allerdings auch beiderseits mehr aktiv als passiv.

Mustafa war mein Freund geworden, denn er hatte für mich getan, was nur Freunde für einen tun. Aber ich war auch der Freund von Mustafa geworden. Und so bat er mich eines Tages um einen kleinen Gefallen. Er wollte gern wieder nach Deutschland kommen. Das erwies sich als schwierig. Es hätte sich als leichter erwiesen, wenn es eine Ehefrau mit deutschem Pass gäbe. Und um diese bat er mich. Ich hätte doch sicher in meiner Verwandtschaft eine passende Person, die ich ihm vermitteln könnte.

Ein kleiner, naheliegender Wunsch. Ich war sein Freund, und in seiner Heimat taten Freunde vermutlich, worum er mich bat. In seiner Heimat hatten sie allerdings vermutlich auch die Autorität, zu tun, worum er mich bat, indem sie das Einverständnis der gewünschten Braut verordneten.

Um es kurz zu machen: Heute hätte ich sicher einen Weg gefunden, diese Sandbank unserer Beziehung zu umschiffen. Damals war ich in den interkulturellen Dingen noch unerfahren und die Sache entwickelte sich so, dass die Freundschaft am Ende einschlief. Aber noch heute denke ich gerne an Mustafa und seine Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Gott segne ihn.

5
Januar
2010

Tun und Verstehen 2

Es ist nicht immer falsch, sich zuerst einen systematischen theoretischen Überblick zu verschaffen, bevor man zur Tat schreitet. Manchmal ist die “Gebrauchsansweisung” unverzichtbar. Ich würde nicht gern in die Hände eines angehenden Mediziners fallen, dessen ärztliche Vorkenntnisse sich auf gerichtsmedizinische Fernsehkrimis beschränken und der gleichzeitig dem Motto “Probieren geht über Studieren” huldigt und seine chirurgische Laufbahn damit beginnen möchte, dass er Haso aufschneidet, “um zu sehen, was geht”.

Aber auch hier wird der alte Ansatz, unseren Jungmediziner lange Zeit nur mit Handbüchern zu beschäftigen, in Frage gestellt. Reformstudiengänge zielen darauf ab, die Praxis schon frühzeitig in die Ausbildung zu integrieren.

In vielen Fällen sind es aber nicht Vernunft und Notwendigkeit, die uns dazu bewegen, vor dem Tun einen langen gedanklichen Anlauf zu nehmen, sondern geistige Gewohnheiten unserer Kultur oder die Furcht vor dem Unbekannten. Es fällt uns einfach sehr viel leichter, im alten Sessel neue Bücher zu lesen, als uns auf neuen Wegen mit unserer alten Unsicherheit auseinanderzusetzen. In solchen Fällen hat das Studieren eine ausgesprochen prokrastinierende Wirkung: man ist geschäftig und kann doch den Schritt auf neues Terrain verzögern.

Stadtteilanalyse oder Stadtteilkonferenz

Vor einer Reihe von Jahren drang uns die Kunde zu Ohren, dass in anderen Teilen der Welt das Evangelium von Jesus nicht nur einzelne Menschen erreicht, sondern ganze Orte und Landstriche verändert. Das wollten wir auch. Das will ich immer noch.

Aber wie fängt man es an, wenn man bis dahin in einer kirchlichen Parallelgesellschaft gelebt hat? Wie verläuft der Weg in die Stadt? Für einige von uns führte er zunächst in Bibliotheken und Zeitungsarchive. “Stadtteilanalyse” war angesagt. Und so erforschte man die Lebenswelt und die Bedürfnisse der “Verlorenen” da draußen, ohne in allzu enge Kontakte mit ihnen zu kommen. Am Ende kannte man viele Fakten und wenige Menschen.

Vielleicht lernt man sein Umfeld besser kennen, wenn man – je nach Art und Größe des Ortes und eigener Leidensfähigkeit – dem Schützenverein oder der Stadtteilkonferenz beitritt. “Wie kann man lieben, was man nicht kennt?”, sagte mir vor einiger Zeit ein Freund, der jahrelang in gemeindlicher Sicherheitszone auf Erweckung und Transformation gehofft hatte, bis Gottes Führung ihn in echte Begegnungen und Beziehungen mit “den Menschen draußen” führte.

Und nun unterbreche ich für heute und lasse meine Leser mit folgender Frage zurück: Was könntest du unternehmen, um herauszufinden, wie Leute in deiner Umgebung ticken, zu denen du bisher noch keine Beziehung hast?

5
Januar
2010

Tun und Verstehen 1

Wann wird Handeln durch neues Denken verändert? Und wann kommt das neue Handeln vor dem veränderten Denken? Können wir etwas erst tun, wenn wir es verstanden haben, ober können wir es erst verstehen, wenn wir es ausprobiert haben? Diese Fragen stellen sich im Zusammenhang mit einem meiner Lieblingssätze: “Vor dem Denken kommt das Handeln.” Bei ihrer Beantwortung spielt auch unsere Persönlichkeit eine Rolle.

Gebrauchsanweisungsbefolger oder Einfachausprobiere?

Wenn neue Tools (oder Toys) der elektronischen Art ins Haus gelangen – ein willkommener Vorwand für das Unvermeidliche pflegt das gerade hinter uns liegende Weihnachtsfest zu sein –, gibt es den sich damit vergnügenden Menschen in zwei Varianten. Der eine packt zunächst das Handbuch aus, studiert es bis in das Kleingedruckte hinein, um es dann Schritt für Schritt zu befolgen. Der andere packt das Teil aus, steckt den Stecker in die Dose und guckt, was geht. (Wer beherrscht sein Gerät schneller? Wer kennt es am Ende besser?)

Ich gehörte von Haus aus zur Kategorie der Systematiker und damit zu den typischen Gebrauchsanweisungsbefolgern. Seit einigen Jahren versuche ich, mich zu einem Ausprobierer zu entwickeln. Auf die Dauer fahre ich damit besser. Der typische Verlauf sah nämlich so aus: Weil die Dinger immer multifunktionaler wurden, wurden die Handbücher immer dicker, der systematische Überblick immer aufwändiger. Was ich im Handbuch las, war nach drei Tagen vergessen, und in der Praxis reduzierte sich manche Multifunktionalität auf wenige Grundfunktionen. Und zwischen mir und neuen Funktionen stand – meine Gebrauchsansweisungsbefolgermentalität. Denn auch dazu hätte ich mir ja erst wieder einen partiellen systematischen Überblick verschaffen müssen … und naja, Zeit ist auch nicht immer so viel da, wie man gern hätte … Oft fahre ich besser, wenn ich einschalte und entdecke. (Man muss ja nicht gleich ein Handbuchverächter werden. Wenn etwas nicht auf Anhieb funktioniert oder durch bloßes Probieren nicht herauszufinden ist, nützt ein solches Texterzeugnis durchaus etwas.)

Hinter dieser Gebrauchsanweisungsbefolgung steht oft die Furcht – etwas zu übersehen oder etwas falsch zu machen. Aber am Ende kommt man manchmal vor lauter Gebrauchsanweisungsleserei zu wenig dazu, etwas zu gebrauchen oder wirklich zu genießen. Es geht hierbei übrigens um viel mehr als High Tech.

Zwei reisen in eine Stadt. Der eine besucht einen Volkshochschulkurs über die Geschichte des Zielortes, kauft sechs verschiedene Reiseführer und drei Veranstaltungsmagazine. Vor Ort ist er dann im Dauerstress, um keine wichtige Sehenswürdigkeit oder kulturelle Veranstaltung zu verpassen. (Immerhin kann er zu Hause die Fotos anschauen, um herauszufinden, wo er war.)

Der andere fährt einfach hin, setzt sich ins erste Straßencafé, beobachtet die Leute, schnuppert das Flair. Und wenn er Lust auf eine Unternehmung hat, findet er Nahegelegenes auf Gowalla oder berlin.unlike (sofern er clever genug war, in meine Stadt zu reisen).

Zwei stellen fest: Die Liebe ist nicht mehr das, was sie war. Beide möchten diesen Zustand ändern. Der eine geht in die Buchhandlung und kauft in Buch über die Liebe, in das er sich sogleich vertieft. Der andere geht in eine Weinstube und kauft eine edle Flasche, die er sogleich mit seiner Partnerin probiert.

In welche Kategorie gehört mein geschätzter Leser?

3
Januar
2010

Vor dem Denken kommt das Handeln: Reprise

Neulich stieß ich auf ein Zitat von Richard Rohr:

Jesus is not telling us to believe unbelievable things, as if that would somehow please God.  He is saying much more to us, “try this, and you will see for yourself that it is true.”  But that initial trying is always a leap of faith into some kind of action or practice.

In summary it can be put this way:  We do not think ourselves into a new way of living.  We live ourselves into new way of thinking.  Without action and lifestyle decisions, without concrete practices, words are dangerous and largely illusory.

Gewissheit ist nicht das Ergebnis intellektueller Anstrengungen (der apologetischen Art). Sie ergibt sich, wenn einer sich zu neuem Handeln herausfordern lässt.

Das erinnerte mich an eine Reihe, die ich im Mai/Juni 2006 hier gebloggt habe. “Vor dem Denken kommt das Handeln.” Auslöser war seinerzeit ein Gedanke von Alan Hirsch, den ich bei [depone] gefunden hatte:

Dabei hat er [Alan] interessanterweise davon gesprochen, dass seiner Meinung nach durch ein neues Handeln ein neues Denken entstehen kann. Diesen Gedanken finde ich deswegen so interessant, da er unserem deutschen Ansatz erst die Theorie verstanden zu haben bevor man handelt widerspricht. Um ihre Gemeinde umzustrukturieren hatten sie keine neuen Werte definiert, sondern über Praktiken gesprochen wie sie weiterhin ihren Glauben leben wollten. Ein Paradigmenwechsel kommt seiner Meinung nach durch neues Handeln zustande. Das Denken folgt den Praktiken und so entsteht aus der Praxis die Theorie. Sicherlich wurde dieser Prozess die gesamte Zeit reflektiert – alles andere kann ich mir bei Alan kaum vorstellen – dennoch wird nicht zuerst 100 Jahre geforscht bevor ein Schritt gegangen wird.

Es folgte eine kleine Übung

(1) Sei ab heute von etwas überzeugt, wovon du bis jetzt nicht überzeugt warst.
(2) Tue heute etwas, was du bis jetzt nicht tun wolltest.
Was geht? Was geht nicht?

… durch die deutlich werden sollte, dass man festgefahrenes Denken nicht durch neues Denken, sondern durch neues Handeln aufbricht. Dann untermauerte ich meine – bei kommentierfreudigen Lesern umstrittene – These unter anderem mit einem Rat von John Wimber, der Bekehrung eines Rassisten und einem schönen Zitat von Pablo Picasso

If you know exactly what you’re going to do, what’s the good of doing it? Since you already know, the exercise is pointless. It is better to do something else.

Da ich mich in letzter Zeit mit diesem Thema noch von einer andere Seite beschäftigt habe, hat das Eingangszitat mich dazu angeregt, neuen Blogfleiß an den Tag zu legen und die alte Reihe fortzusetzen. Demnächst hier also mehr.

1
Januar
2010

Ein Jahr der Stille liegt hinter uns

Stille Momente gab es 2009 mehr als genug – auf Hasos Tafel. Ob sich das 2010 ändert … wer von uns weiß schon, was dieses Jahr bringen wird? Denen, die immer noch hier vorbeischauen oder mich nicht aus ihrem Feedreader getilgt haben, wünsche ich, dass das noch nicht Gewusste sich als das im Nachhinein Erfreuliche herausstellt.

Stille Momente kann man besser haben als durch einen untätigen Blogautor. Wer sie im Jahr der Stille sucht, findet Inspiration in diesem Benefizkalender

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… dessen Erlös Menschen zugute kommt, die gern aus ihrer Stille herauskämen, nämliche Gehörlosen in Afghanistan.

Wer die Stimmung des Jahreswechsels noch einmal nachvollziehen möchte, kann das mit dieser Galerie von Big Picture tun. Und wer sich noch an die Zahl “2010” gewöhnen muss, findet optisch gefällige Unterstützung in diesem Set von Selva Ganapathy.

21
Dezember
2009

Hasos Frau

Manche meiner Leser interessiert vielleicht schon lange, wie Hasos Frau aussieht. Diese Neugier soll befriedigt werden. Die Gesichtserkennung von iPhoto hat sie identifiziert.

Unbenannt 

Und da die Produkte aus dem Hause Apple den Ruf höchster Zuverlässigkeit haben, muss ich wohl mit der Freifrau vom Stein liiert sein.

20
Dezember
2009

GJM über die Hasowolke

Schade, dass GJM zu allem, was mit Twitter zusammenhängt, sagt: “Das sei ferne!” So wird er nie erfahren, wie ich über diesen Post von ihm denke, denn das steht hier.

18
Dezember
2009

Tweetcloud

Es macht erstaunen, wieviel Formulierenergie Menschen – Menschen wie ich – auf kleine, unbedeutende Tweets verwenden. Twitter verführt Menschen – Menschen wie mich – zur Belanglosigkeit und allzu oft auch zur Negation. Diesen Spiegel musste ich mir heute vorhalten lassen, durch den augenöffnenden Dienst von Tweetcloud.

Tweet Cloud is a service that lets you generate a cool looking cloud of the words your tweets mostly contain.

Und was ergibt dieser Service für Haso – der leider unter @trans4mission twittern muss, weil sein rechtmäßiger Name @haso von einem Unbekannten entwendet wurde, von dem man nichts erfährt, außer dass seine Geokoordinaten ihn mit Rochester/NY in Verbindung bringen, einem Ort, in dem laut englischer Wikipedia auch sonst fremdes Eigentum wenig gelten dürfte?

In 2006 Rochester had 1259.6 reported violent crimes per 100,000 residents, compared to a national rate of 553.5.

Die Cloud von Haso aka @trans4mission sieht so aus:

tweetcloud

Haso twittert über “einen” und “eine”, über “wenn” und “aber”, über “jetzt” und “heute”, über “mich” und “sich” – und vor allem über “NICHT”.

Also, wer gern über “auch”, “dass”, “nach” und “noch” mehr erfahren möchte, ist herzlich eingeladen, mein Follower zu werden.

16
Dezember
2009

What Matters Now

What matters now

whatmattersnow

… ist ein feines Ebook, “organized” by Seth Godin unter Mitwirkung von …

featuring

… und zur freien Verbreitung bestimmt.

download 

Schöne Beiträge wie dieser …

generosity

… dieser …

dignity

… dieser …

adventure

… und dieser …

facts 

… lassen es für einige Zeit mein Begleiter werden. Download hier.

16
Dezember
2009

John Lennon und Oral Roberts

In den 70er Jahren suchte John Lennon geistlichen Rat bei dem gestern verstorbenen Evangelisten Oral Roberts. Christianity Today veröffentlichte 2007 einen Buchauszug über diese Zeit.

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